Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Dr. Max Schönfeldt
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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175 ist so oft der Gegenstand literarischer und künstlerischer Darstellung gewesen, daß es Wohl aus den Schilderungen Linetzki's, Abramowitz's, Pauline Wengeroff's, aus den Bildern Hirszenberg's, Pilichowsky's und Krestin's genugsam bekannt sein dürfte: das dumpfe Zimmer, in dem Kinder im Alter von 4—10 Jahren 6—8 Stunden täglich sitzend zubringen müssen, während ihnen der Melamed im eintönigen, jüdisch-deutschen Singsang nach Urväter-. weise die Anfangsgründe der biblischen Gelehrsamkeit beibringt, wobei auch der Stock dem mangelnden Verständnis nicht selten freundlich nachhilst. In solchen Schulen wachsen Wohl 70°/« der jüdischen Kinder in Rußland auf, ohne irgendwelche Kenntnisse in den Realien, ohne Heimatkunde, ohne Rechnen, ohne den elementarsten Unterricht in der Sprache ihrer Heimatprovinz, ja selbst in völliger Unwissenheit der Reichssprache, des Russischen, denn die Vermittlung dieser Kenntnisse ist durch eiir Statut der Regierung, welche sonst die Errichtung dieser Schulgattung sehr begünstigt, dem Cheder untersagt. So werden denn dieselben Kinder, Knaben wie Mädchen, denen ein in der Weltgeschichte kaum dagewesener Kampf um das tägliche Brot in dem überfüllten Judenrayon bevorsteht, im Alter von 11, 12 und 13 Jahren auf den Markt der Industrie und des Kleinhandels geworfen, ohne Kenntnisse der lokalen Sprache ihrer Provinz, nur ausgerüstet mit einer nach mittelalterlichen Methoden ihnen beigebrachten Kenntnis des Hebräischen und einem oft abergläubisch entstellten religiösen Wissen, das sie nur zu häufig in kürzester Frist als unbequemen Gewissensbalast über Bord werfen! Zwar bahnt sich jetzt auch auf dem Gebiete des Cheders — u. a. auch von Riga ausgehend — eine -Reform an: in den sogenannten Musterchedern mit modernen Unterrichtsmethoden und hygienischeren Unterrichtslokalitäten. Hier wird das Jüdisch-Deutsche, die bisherige Unterrichtssprache, durch das Hebräische ersetzt — allerdings eine Veränderung von zweischneidiger Wirkung — und das rein religiöse Lehrprogramm mitunter