Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Dr. Max Schönfeldt
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111104-3116910--5355-3117115- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
174 — Und doch erscheinen die Schwierigkeiten der Schulaufnahme beinahe noch geringfügig gegenüber den Notzuständen, den Seelennöten, welche anheben, wenn diese Schüler die Mittelschulen absolviert haben und nun, laut ber Prozentnorm des Ministeriums, kaum die Hälfte von ihnen auf der Universität Platz finden' kann. Wer von ihnen hat zu verzichten? Wer darf die ersehnte Hoch- . schule beziehen? Bisher, gaben — innerhalb dieser Einengung — noch die besten Examensprädikate den Vorzug. Jetzt ist auch dieser Trost, die Auslese der Tüchtigsten, zu Nichte -geworden, seitdem, laut der letzten Verfügung, das Loos, eine Lotterie von Staatswegen, über die Ausnahme entscheidet. Blieb als letzte Zuflucht für die in ihrer Heimat von der Universität ausgeschlossenen bisher das Studium im Auslande. Und nun droht auch diese letzte Rettung zu versagen, seitdem der erleuchtete Westen in einigen Staaten bereits die Universitäts-Sperre proklamiert hat, eine Maßregel, die mit ihrer Schwere im Wesentlichen die russischen Juden trifft, da ja jeder russische Christ eben in seiner Heimat studieren kann. Aus dieser Verzweiflung führt ein Ausweg, der, zur Ohre der jüdisch-russischen Jugend sei es gesagt, bis jetzt selten genug. beschritten wurde: die Taufe! Wohl aber ist zu befürchten, daß mit dem Wachstum der Bedrückung auch der hochgespannte Idealismus der Jugend erlahmt und — eine Wiederholung jener spanischen Zeiten — Massentausen sich vollziehen werden. Wie ist es nun um die Jugenderziehung der großen Menge, der „dunkeln Masse", wie der russische Ausdruck lautet, bestellt? Wohl steht dem Besuch der russischen Volksschulen .auch durch jüdische Schüler gesetzlicherseits nichts im Wege, aber der gänzliche Mangel jüdischen Unterrichtes, wie die Verletzung des Sabbats, die dabei entstehen könnte, bilden für das religiöse Gefühl der Menge ein unüberwindliches Hindernis. Für die Mehrzahl kommt daher nur die Elementarweligionsschule, das C h e d e r, in Betracht. Das Cheder