Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1916-01-01 · 19 (1916) · p. Seite 169

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
19 (1916)
Article
Dr. Max Schönfeldt
Date
1916-01-01
Page
Seite 169 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3111067-3111104-3116910--5350-3117110
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 169 — ii besteht, bilden die Deutschen auch heute noch — wie zur Zeit von Schönfeldts Jugend — die herrschende Oberschicht. Die Deutschen repräsentieren den Adel, den Großgrundbesitz und die meisten Kommunalverwaltungen der Provinz/ und bis vor, einem Menschenalter fast ausschließlich auch die höheren Berufe. Im Vollbewußtsein ihrer Standesprivilegien, noch mehr aber ihrer überlegenen Bildung, blickten sie in früheren Zeiten auf die autochthone lettische Bevölkerung ungefähr im Sinne des Ausspruchs: lieber die Barbaren herrschen die Hellenen nach Gebühr. Von hier aus fällt auch manches Licht auf Schönfeldts Entwickelung. Auf dem Mitauer Gymnasium, das zu seiner Zeit noch nicht russifiziert war, als eines der besten in Rußland galt und sich die Pflege der humanistischen Tradition besonders angelegen sein ließ, sog er neben der klassischen Bildung auch die Liebe und Bewunderung für deutsche Sprache und Kultur mit allen Fasern seiner Seele ein. Die soeben erwähnten Gegensätze zwischen Deutschen und Letten, die schon das völkerpsychologische Interesse eines Herder und Hippel erregt hatten, mußten sich unwillkürlich auch dem Jüngling aufdrängen. Die gerechte Würdigung dieser Erscheinung blieb freilich erst der politischen Reise seines Mannesalters Vorbehalten. Zunächst kam ihm nur die sprachliche Mannigfaltigkeit zu Gute. So beherrschte er auch das Lettische mit selbstverständlicher Geläufigkeit, ebenso das Jüdisch-Deutsche und das Russische in dem Maße, daß er sich ihrer in öffentlicher Rede bedienen konnte. Man kann leicht ermessen, von welcher Bedeutung diese Vielsprachigkeit dereinst für den volkstümlichen Arzt wie für den vom Getriebe der nationalen Strömungen umfluteten Politiker werden mußte. , Im Jahre 1881 bezog Schönfeldt, 20-jährig, die damals noch ganz deutsche Universität Dorpat und zog bald die Aufmerksamkeit seiner Lehrer, vor allem des bekannten Psychiaters Kraeplin, auf sich. Ganz von deutschem Kulturbewußtsein erfüllt, dennoch. stets seine Würde als Jude wahrend, verkehrte er als guter Kamerad

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.