Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Dr. Max Schönfeldt
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 168 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111104-3116910--5349-3117109- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 168 — Kindern und geringen Mitteln blieb die Mutter zurück. Um den Besuch des Gymnasiums zu ermöglichen, mußte er, selbst noch ein junger Knabe, Unterricht erteilen und täglich von der Wohnung weit draußen am Friedhof zur Stadt wandern. Doch seine kräftige Jugend empfand diese Mühe als Genuß. Aus der Ungebundenheit des halb dörflichen Lebens erwuchs ihm das innige, npch den Mann tief beglückende Naturgefühl, die Liebe zur Scholle. Hier sei darauf hingewiesen, daß die Lage der Juden in Kurland seit altersher nicht ganz so gedrückt war wie im übrigen Rußland. Zwar hatte der kurländische Adel zu Zeiten des Herzogtums in immer wiederholten Beschlüssen die Vertreibung der Juden verlangt, aber die Herzöge hatten sich diesem Begehren im Interesse der ökonomischen Entwickelung des Landes stets zu widersetzen gewußt. Und so erfreuten sich die Juden seit altersher und auch unter russischem Szepter innerhalb Kurlands so mancher traditionell gesicherter Erwerbsmöglichkeiten. Schon dieses verhältnismäßig geringe Maß eines quasi bürgerlichen Rechtsgenusses äußert sich in einer durchschnittlich besseren körperlichen Entwickelung, einem ausgeglicheneren seelischen Zustand und einer gehobeneren Lebenshaltung im Vergleich zu den Bewohnern des eigentlichen Ansiedlungsrayons. Hierbei fällt auch der fördernde Einfluß der Umgebung ins Gewicht. Zeichnete sich doch Kurland, das von alter deutscher Kultur getränkte Gottesländchen im Verein mit den baltischen Schwesterprovinzen. Livland und Esthland von jeher als eines der zivilisiertesten Gebiete Rußlands aus. Aber dieser entfernte Erdenwinkel beherbergt in sich gar manches Problem ethnisch-sozialer Natur. Hart wohnen hier die Gegensätze beieinander. Nicht nur der Abstand der Macht und des Besitzes, sondern auch Stammesunterschied und Sprache spaltet hier die Bevölkerung. Während die arbeitende Klasse, insbesondere der Bauernstand, vorwiegend aus einem uralten, besonderen indo-europäischen Volksstamm — den Letten —