Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Die Sprache der Ostjuden
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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159 Stellung der einsichtigen Westjuden zum Jiddischen,«.wie überhaupt zu den Menschen und Dingen jenseits der Grenze, eine andere geworben ist, so geht dieser erfreuliche Wandel vornehmlich auf die Bekanntschaft mit den Dichtern des Ostens zurück. Natürlich können hier nur Namen, und auch nur die bedeutendsten genannt werden. Ungemein fruchtbar ist der Erzähler Abramowitsch, der unter der Bezeichnung „Mendele Moicher Seforim " Wohl am bekanntesten von allen geworden ist. Ein ungemein zarter Poet ist I. Frug, der soziale Dichter des Ghetto ist Morris Rosenseld. Spektor schrieb Romane von gewaltiger Kraft. Rabinowitsch, bekannter unter dem Namen „Scholem Aleichem", ist ein Satyriker von bedeutendem Werte, der „jiddische Mark Twain". In P er etz besitzt das jiddische Schrifttum einen wirKich großen Lyriker, und SchalomAsch ist ein Dramatiker, der durch die Uebersetzung seines freilich nicht hervorragendsten Werkes, des „Gottes der Rache", auch in der christlichen Welt des Westens zu Ansehen gelangt ist. Manchen weiteren Namen von gutem Klange könnte man den genannten anreihen, sie beweisen auf das Deutlichste, daß das Jiddische keinesfalls sich in einer Periode des Verfalls befindet. Eine Sprache, die solche Dichter hervorbringt, ist weder eine verhunzte Mischsprache, noch ist sie dem Untergange geweiht. Wenn auch das Jiddische abgeschlossen von der deutschen Kulturwelt in einem Sonderdasein eine eigene Entwickelung erlebt hat, so ist es doch keineswegs ohne Bedeutung für das Deutschtum und die deutsche Sprache gewesen, und auch in dieser Beziehung hat es heutigen Tages seine Rolle noch keineswegs ausgespielt. Gewiß ist den Juden ihre Anhänglichkeit an das alte Vaterland und sein Wesen dadurch leicht gemacht worden, daß sie inmitten eines Volkes niederer Kultur wohnten, aber dennoch ist es bewundernswert, mit welchem Erfolge und mit welcher Freude diese vertriebenen und gehetzten Söhne der deutschen Erde auch in der Ferne die Treue bewahrt haben. Wenn bei allen