Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Die Sprache der Ostjuden
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 158 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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158 im Lande» Schillers und Hebbels, das Theater wirklich vom Volke besucht würde, so würde wahrscheinlich das 'Niveau ein weit tieferes sein. Sittlich und oft auch -künstlerisch sind die meisten jiddischen Stücke höher zu bewerten als die Operetten, die in Deutschland in heutiger .Zeit wirklich volkstümlich sind. Die jiddische Literatur weist aber, und das erst enthüllt der Sprache wahren Wert, auch wirklich große Dichter auf, welche ihre Muttersprache meisterlich handhaben und ihr jür jede Stimmung und jedes Gefühl den richtigen Ausdruck abzuringen verstehen. Sie erweisen die vollendete Ausdrucksfähigkeit des Jiddischen und sichern diesem deutschen Dialekte einen Platz in der Weltliteratur. Gewiß stehen sie alle mit einem Fuße in der Kulturwelt des Westens. Sie leben geistig jenseits der Grenze Polens und Galiziens, sie sprechen deutsch, und die deutsche Kulturwelt gibt ihnen immer wieder Anregung und Stoffe. Gerade aus dem Zusammenprall der Ostkultur und der Welt des Westens, der häufig zu tragischen Konflikten führt, haben sie viele ihrer besten Einfälle geschöpft, die sie aber doch individuell und ganz eigenartig verarbeiten. Es liegt bei aller Verschiedenheit im einzelnen eine eigene, unverkennbar einheitliche Stimmung über den Werken aller dieser Dichter. Mögen ihre Werke das Leid ihrer Gemeinschaft, die Seelennot, das Kulturelend widerspiegeln, mögen sie in der Selbstverspottung, die mit einem Auge weint und dem andern lacht, ihr Wesen offenbaren, immer haben die jiddischen Dichter etwas Besonderes und Eigenes, das ihnen gemeinsam ist, dem Lyriker wie dem Satyriker und dem Erzähler. Dieser „jiddische Geist" adelt auch die Sprache. Daß die wirklichen Dichter, obwohl auch sie vom Westen beeinflußt sind, lange nicht so viel zum Verfall des Dialekts beitragen wie die Presse und die Wissenschaft ist selbstverständlich. -Herzensempfindungen schreibt man eben in der Sprache des Herzens nieder. Dem Westen sind sie durch mannigfache, mehr oder minder gute Uebertragungen näher gebracht worden, und wenn in den letzten Jahren die