Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Die Sprache der Ostjuden
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 156 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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156 (Kommt der liebe Sommer, Spielen wir im Sand. Kommt der liebe Winter, ’ Fahren wir auf's Land. Schwarze Kirschen pflücken wir, Rote lassen wir stehen. Schöne Jungen nehmen wir. Garstige lassen wir gehen. Schwarzer Zigeuner, Du bist nicht meiner. Wird Dir's Gott bescheren, Wirst Du meiner werden.) Es ist in neuer Zeit eine Sammlung dieser Gesänge svon Ginzburg und Marek in St. Petersburg) veranstaltet worden, welche allein 376 enthält. Obwohl es noch andere Sammlungen gibt, sind unzweifelhaft viele Hunderte Lieder verloren gegangen, oder sie werden verloren gehen, wenn sie nicht bald ausgeschrieben werden, bevor noch — wie bei uns — besonders in der Stadt, das alte schöne Volkslied durch den schlüpfrigen und geistlosen Gassenhauer verdrängt wird. Alle Sorgen und Leiden, all die spärlichen Freuden des Oftjuden, sein ganzes, so unendlich reiches Seelenleben, alles klingt aus seinen Volksgesängen, dem Abbild seiner Seele. Sie sind erfüllt von keuscher Innigkeit und Zartheit. Ihr Grundton ist freilich meist das Leiden, und vom traurigen Geschick der verfolgten und gequälten Stiefkinder der Welt erzählen diese Lieder, deren weiche, schwermütige, polnische Melodien sich dem Inhalt völlig anschmiegen und den Versen das rechte Leben geben. Zur Volksdichtung gehören auch die Sprichwörter, deren es viele Tausende gibt- Teilweise sind sie bereits (durch Bernstein) gesammelt. Sie sind größtenteils gemeinjüdisches Gut, geschöpft aus dem unergründlichen Borne der Agada. Es gibt aber auch eine große Anzahl, die inhaltlich das Sondereigentum des Ostjuden sind, aus ihnen spricht tiefe Erfahrung und oft ein