Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Die Sprache der Ostjuden
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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154 die Uebersetzungsliteratur gedacht. Wer auf den Juden Einfluß gewinnen will, muß seine Sprache reden, und das wissen alle Bestrebungen, welche unter den Juden des Ostens Verbreitung suchen. So unternimmt es die Judenmission, ihre Opfer dadurch gefügig zu machen, daß sie das Neue T e st a m e n t ins Jiddische übersetzt hat. In derselben Sprache erscheinen Missionsblätter, vornehmlich in London und New-Aork, und die Missionare, meist getaufte Ostjuden, halten Predigten, welche ihrem äußeren Gewände nach den Reden der „Maggidim" (Prediger) völlig gleichen. Mit mehr Erfolg als die Judenmission bedienen sich die politischen Bewegungen des Westens, vor allem die Sozialdemokratie, der Volkssprache, um Fuß zu fassen. Unübersehbar ist die Menge der Broschüren und der Flugblätter, mit denen das jüdische Proletariat überschwemmt wird. Noch jüngst haben sich selbst die deutsche und die österreichische Regierung der jiddischen Sprache bedient, als sie sich an die Bewohner Polens mit einer Kundgebung wandten. Sprachlich ist auch diese Literatur keineswegs erfreulich. Die Tatsache, daß fast jeder Jiddisch schreibende, der in der Politik eine Rolle spielt, sich sonst nur der hochdeutschen Sprache bedient, verführt gar zu leicht dazu, ein Gemisch von Neuhochdeutsch und Jiddisch der Welt zu bescheren, und das Idiom dieser politischen Schriftwerke ist tatsächlich oft ein Jargon. Unendlich mannigfaltig und von wirklichem Wert ist nun außer den bereits erwähnten religiösen Erbauungsbüchern die eigentliche Volksliteratur. In ihren ersten Anfängen ist sie ganz naturgemäß im Stoffe nicht selbständig. Sie verarbeitet die, Erinnerungen, welche aus Deutschland mitgezogen waren, dazu treten noch biblische und rabbinische Stoffe. So finden sich in der älteren jüdischen Erzählungsliteratur neben den Darstellungen agadischer Stoffe auch Dichtungen der deutschen Profanliteratur, Sagen von König Artus, von Dietrich von Bern, Anklänge an das Hildebrandlied, Teile aus „Tausend und eine Nacht", die