Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1916-01-01 · 19 (1916) · p. Seite 152

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
19 (1916)
Article
Die Sprache der Ostjuden
Date
1916-01-01
Page
Seite 152 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3111067-3111104-3116909--5332-3117093
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

152 zu dem Ergebnis, daß das Jiddische weit besser dasteht. Und das ganz besonders, wenn man an die Zeit des achtzehnten Jahrhunderts denkt. Ein Gemisch, wie jenes bekannte Wort eines preußischen Königs, der seine „Souveränität wie einen Rocher von Bronze stabilieren" wollte, dürfte sich in der jiddischen Literatur kaum finden. Im Gegenteil: wenn man dem Jiddischen Gerechtigkeit widerfahren läßt, muß man anerkennen, daß es in einer viel schwierigeren Lage gewesen ist und sich trotzdem reiner erhalten hat, als die neuhochdeutsche Schwestersprache. Es hat nur wenig polnisches und russisches Gut ausgenommen, obwohl es jahrhundertelang inmitten einer slawischen Bevölkerung lebte und tagtäglich seinem Einfluß ausgesetzt war. Wenn man bedenkt, wie unendlich groß die Einwirkung des geographisch so entfernten Frankreichs auf Deutschland gewesen ist, wenn man ferner erwägt, wie unendlich viel, beispielsweise im Berliner Dialekt, von der kurzen französischen Herrschaft her hängen geblieben ist, so wird man die Reinheit des Jiddischen fast bewundern. Alles theoretische Erklären und Erörtern ist aber nicht imstande, den schlüssigen Beweis für seinen Wert zu liefern. Einen solchen konnte'nur die Sprache selber geben, und sie hat es getan. Sie war und ist der unentbehrliche, lebendige Dialekt einer großen Gemeinschaft, und sie hat alle Anforderungen vollauf befriedigt, welche man an eine Sprache stellen kann. Sie hat vor allem eine Literatur hervorgebracht, welche sich auf alle Gebiete menschlichen Wissens und menschlichen Fühlens erstreckt. Und wenn es auch natürlich unmöglich ist, in diesem kurzen Rahmen die Geschichte dieser Literatur darzustellen, so sei doch mit einigen Worten auf ihren unerschöpflichen Reichtum hingewiesen. Während die sonstige jüdische Literatur — wenigstens die ältere — soweit sie in hebräischer Sprache erschienen ist, mehr ein gelehrtes Schrifttum darstellt, das sich vornehmlich mit religiösen Dingen befaßt, erstreckt sich die Literatur der Volkssprache naturgemäß über alle Gebiete. Freilich spielt das religiöse Moment keine kleine Rolle.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.