Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Die Sprache der Ostjuden
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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147 *- i Ausdrücke für geistiges und sittliches Leben und Streben, mnd jene, die sich auf das Familien- und Eheleben beziehen. Es sei aber hervorgehoben, daß auch in gottesdienstlichen Dingen das Judentum Polens so manchem deutschen Ausdruck den Eingang verstattet hat. Sein Gotteshaus nennt er die „Schul", aus der Thora vorlesen nennt er „leinen", den Jahrestag eines« Todes halten, nennt er „Jahrzeit", ein Ausdruck, der sogar in das rabbinische Schrifttum übergegangen und dadurch unter den Juden der ganzen Welt verbreitet worden ist. Des ferneren muß aber auch wohl beachtet werden, daß viele jüdische Ausdrücke, welche heut von Juden und Nichtjuden gebraucht werden und sich auf das Alltagsleben beziehen, nicht aus dem Jiddischen, sondern aus der Gaunersprache stammen. Ein Wort wie „acheln" z. B. wird ein jiddischer Schriftsteller nur scherzhaft für „essen" verwenden. Eine Bemerkung zum Wortschatz sei hier hinzugefügt. Es «gibt Wörter, welche sich wie urhebräische anhören und die doch deutsch sind oder einer anderen Sprache angehören. Das als typisch geltende Wort „nebbich" z. B. ist nichts wie eine Verstümmelung von „nie bei Eich" eine Uebersetzung des hebräischen „lau alechem". „Bentschen" ist sicherlich entstanden aus dem katholischen Kirchenausdruck „bsnoäiooro" und dürfte wohl bereits aus Deutschland nach Polen mitgewandert sein. Die Anzahl solcher Wörter ist freilich nicht groß. Nachdem damit von historischen und philologischen Gesichtspunkten .aus ein flüchtiger Einblick in die Entstehung des Jiddischen gegeben worden ist, wäre einiges über sein Wesen zu sagen. Dem Grundcharakter nach ist es noch durchaus Mittelhochdeutsch und' hat den Uebergang zum Neuhochdeutschen, den man etwa an das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts verlegt, noch nicht mitgemacht. Es weist demnach einen größeren Formenreichtum auf als unsere Sprache. Die Uebereinstimmungen mit dem Mittelhochdeutschen sind vornehmlich aus diesem Grunde charakteristischer Weise gerade dort am deutlichsten vorhanden, wo unser Ohr barbarische Fehler zu entdecken 10*