Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Die Sprache der Ostjuden
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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143 Wußte keiner, daß er seine eigene Vergangenheit damit verlachte. Auf reichsdeutschem Boden ist das Jiddische seitdem verschwunden. Selbst in den ehemals polnischen Gebietsteilen, die durch die erste und zweite Teilung Polens zu Preußen geschlagen wurden, ist es völlig verdrängt und hat dem Neuhochdeutschen Platz gemacht. Es ist allerdings keinesfalls, wie man so oft behauptet hat, Mendelssohn und seiner. neuhochdeutschen Bibelübersetzung zuzuschreiben, wenn dem Gebrauche des Jiddischen in den Ostprovinzen ein Ende bereitet wurde. Eine viel, stärkere Macht, ein ganz anders gearteter Einfluß hatte das zu Wege gebracht. Der politische Umschwung, der mit einem Schlage die Bewohner Posens, Westpreußens und Ermelands von ihrer Gemeinschaft trennte, schuf eine wirtschaftliche und Kultureinheit mit dem übrigen Preußen. Und das allein wurde bestimmend. Nur wo die Juden nicht den Einflüssen überlegener Kulturen ausgesetzt waren, also in Russisch-Polen, Galizien und Rumänien, konnten sie ihre Besonderheiten erhalten. Vor der deutschen Kultur der Preußen schwand aber das ihnen Eigentümliche, besonders in der Sprache, mit kaum glaublicher Schnelligkeit. Aus diesen Gründen ist es übrigens auch wahrscheinlich, daß die Judenmassen in Amerika und England ihre jiddische Sprache bald verlieren und sich der Landessprache anpassen werden. Ganz " abgesehen von der starken Beeinflussung des Wortschatzes durch das Englische kann man schon überall die Beobachtung machen, daß die zweite Generation das Jiddische nicht mehr versteht. Schon heute wird die Sprache in England und Amerika nur durch den Nachschub der Einwanderermassen lebendig erhalten. Wenn wir uns nunmehr de,r philologischen Entstehungsgeschichte des Jiddischen zuwenden, ist freilich leicht einzusehen, daß hier, außer den allgemeinen großen Zügen, fast noch alles im Dunkeln liegt. Abgesehen von den bereits erwähnten Hindernissen gibt es für das Gebiet der Sprachgeschichte im besonderen eine Anzahl von Gründen, die eine sorgfältige philologische Bearbeitung