Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Die Sprache der Ostjuden
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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142 sich manches alte deutsche Gut erhalten haben wird. Daß der Kaftan z. B. höchstwahrscheinlich nichts ist, wie der alte deutsche Rock, ist nicht unbekannt. Es dürften 'aber noch recht viele andere derartige Erinnerungen an längst vergangene Tage vorhanden sein, welche zu untersuchen für die Freunde deutscher Vergangenheit von nicht geringem Interesse und Wichtigkeit sein muß. In der kulturellen Abgeschlossenheit erfuhr nun die Sprache dieser deutschen Juden ein eigenartiges Schicksal. Die deutschen Grundbestandteile blieben in der Gestalt erhalten, die sie bei ihrer Niederlassung aus polnischem Boden hatten, Aenderung und Leben zeigt sich in der Flexion und dem sonstigen grammatischen Bau kaum, sondern fast einzig und allein im Wortschatz, der durch die polnische Sprache der Umgebung und die hebräische des Gotteshauses und des Gebets bereichert wurde. Freilich dauerte diese völlige Trennung von der deutschen Muttererde nur etwa drei Jahrhunderte, lange genug allerdings, um der Sprache ein Gepräge zu geben, das nicht mehr leicht zerstört werden konnte. Denn kurz nach dem Ende des dreißigjährigen Krieges brachen die entsetzlichen Verfolgungen durch die Kosaken des Chmielnicki über sie herein, die einem Feuerbrande gleich das blühende Leben Polens vernichteten und die verängstigten Menschen nach dem Westen trieben. Die Rückwanderung, die damit einsetzte, führte freilich nur verhältnismäßig geringe Scharen zurück, aber als sie mit ihrer treu bewahrten deutschen Sprache wieder den alten Boden betraten, mußten sie eine eigenartige Erfahrung machen. Dort war inzwischen der Uebergang zur neuhochdeutschen Sprache erfolgt, und der Jude stand mit seinem Dialekte fremd da auf dessen eigentlichem Boden. Gerade seine treue Anhänglichkeit trug dazu bei, die Tragik des jüdischen Geschicks, die kulturelle Abgeschlossenheit der Juden aus deutscher Erde, zu begünstigen. Denn die Sprache der Juden wurde eins der wichtigsten Kennzeichen, das festeste Bollwerk des Ghetto! Sie wurde von den Christen nicht verbanden, sie wurde verachtet und verspottet, und dabei