Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Die Sprache der Ostjuden
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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141 Dorthin brachten sie nun ihre deutsche Sprache, ihre deutsche Tracht und ihre deutschen Sitten. Man mag erstaunt sein, daß sie sich nicht in kürzester Zeit ihrer slawischen Umgebung assimilierten, waren sie doch eine kleine Minderheit inmitten einer geradezu erdrückenden Menge mit durchaus verschiedener Kultur! Daran hinderten sie aber die verschiedensten Gründe. Gewiß war zu berücksichtigen, daß den Juden ihre deutsche Kultur, in der sie so viele Jahrhunderte zufrieden und glücklich gelebt hatten, lieb und teuer geworden war. ein Stück ihrer selbst, und daß sie an ihr schon aus dem Grunde festhielten, weil sie den Aufenthalt in Polen nur als eine vorübergehende Verbannung betrachteten. Wichtiger aber ist die oft beobachtete Tatsache, daß eine Minderheit mit höherer Kultur, sofern sie eben nureinezusammenhängendeuntz einigermaßen wider st andsfähige Masse bildet, sich der niederen Kultur der Mehr - heit niemals anpaßt! In dieser Lage waren eben die Juden. Sie ersetzten bekanntlich den in Polen fehlenden Mittelstand, sie lebten unter polnischen Bauern und Leibeigenen, die an Kultur tief unter ihnen standen, sofern man bei ihnen überhaupt von einer solchen reden konnte. Die Glaubensverschiedenheit förderte naturgemäß die vorhandene Trennung, und so kam es, daß sogar die wenigen Juden,-welche lange vorher in Polen ansäjsig geworden waren, und infolge ihrer geringen Menge kulturell sich dem slawischen Wesen angepaßt hatten, wieder einen starken Halt fanden und sich rückwärts assimilierten. . So erhielt sich bei den Juden im ehemaligen Königreich Polen die deutsche Kultur, die sie mitgebracht hatten. Abgeschlossen von dem großen Strome des lebendigen deutschen Lebens, blieb sie freilich aus derselben Stufe stehen, entwickelte sich nicht weiter, sondern erstarrte gewissermaßen. Es soll in diesem Aufsatze nur von der Sprache der Ostjuden die Rede sein. Es sei aber doch darauf hingewiesen, daß auch in ihren Sitten und Gebräuchen