Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Die Sprache der Ostjuden
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 140 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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140 nngen assimiliert, daß sie, abgesehen von ihrem Glauben, sich durch nichts von ihren christlichen Mitbürgern unterschieden, Sie kleideten sich wie sie, sie sprachen dasselbe Deutsch, in den Synagogen wurde in der Landessprache ^gepredigt, und wenn ihre Sprache sich irgendwie von der anderen unterschieden hätte, wäre die bekannte Klage des Agobard von Lyon nicht begreiflich, der in seinem Buche „Os insolentia Judaeoram“ beweglich jammert, Daß Christen in die Synagogen gehen, um die Predigten zu hören, und sogar hinzufügt: „Ut dicant melius eis praedicare Judaeos quam presbyteros nostros“, (daß die Juden besser predigen als unsere Priester). Es gab sogar, allerdings erst im dreizehnten Jahrhundert, einen jüdischen Minnesänger, namens Süßkind von Trimberg, und wohin man blickt, ist wenigstens vor den Kreuzzügen die jüdische Kulturangleichung, selbstverständlich mit Ausnahme alles Religiösen, vollständig durchfleführt. Wenn auch bereits im zehnten Jahrhundert und früher Anfeindungen und Verfolgungen zu verzeichnen waren, so trat doch eine wirkliche Aenderung in der Stellung der deutschen Juden und eine Absonderung erst nach den Kreuzzügen und ihren fürchterlichen Leidenstagen ein. Damals erst begann sich das Ghetto zu bilden, und erst durch diesen Vorgang war die Grundlage für eine Sonderentwickelung der Kultur gegeben. Die ruhelosen Wanderungen setzten ein, welche für die folgenden Jahrhunderte so charakteristisch werden sollten. Erst vereinzelt, dann aber in immer größeren Scharen begannen die deutschen-Juden, welche seit dem Beginn unserer Zeitrechnung an der Donau und am Rhein ansässig gewesen waren, sich nach dem Osten zu wenden, um sich im gastlichen Polen niederzulassen, und den Höhe- Punkt erreichte diese Bewegung im Jahre 1348, als der „schwarze Tod" in Deutschland seine Ernte hielt. Damals wurden die Juden, soweit man sie überhaupt am Leben ließ, allerorten vertrieben und mit roher Gewalt nach dem Osten gejagt. Sie fanden aber allesamt in Dolen, wozu ja damals auch ein, Teil des jetzigen Ostdeutschland gehörte, die friedliche Ruhestätte, die sie ersehnten. 9