Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Die Sprache der Ostjuden
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 139 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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fassen. Die grausamen, blutigen Judenverfolgungen begannen das Gewissen der Külturwelt ein wenig aufzurütteln, der Osten wurde „entdeckt". Man sah zu seinem Staunen, daß es sich nicht nur um verfolgte, hilfsbedürftige Menschen handelte, sondern daß diese Massen auch eine eigene und eigentümliche Kultur besaßen. Die mächtig aufgeblühte Literatur jener „polnischen" Juden drang über die Grenzen hinaus und wurde vom Westjudentum mit Interesse ausgenommen und verfolgt. Sie lenkte natürlich den. Blick auch auf die Sprache, und so hat es seit jener Zeit an einzelnen Versuchen zu wissenschaftlicher Behandlung nicht gefehlt. Chrestomathien von mehr oder minder großem Werte, Wörterbücher sind verfaßt, es ist auch über Phonetik, Grammatik und Wortschatz einiges geschrieben worden. Von wirklich wissenschaftlicher Bedeutung ist vornehmlich eine Dissettation vön Gerzon (Die jüdisch deutsche Sprache, eine grammatikalisch-lexikalische Untersuchung ihres deutschen Grundbestandes, Köln 1902), von der man nur hoffen kann, daß sie Nachfolger findet. In neuester Zeit sind im „Pinkes", einem Jahrbuch für die Geschichte der jüdischen Literatur und Sprache (Wilna 1913) einige beachtenswerte Artikel von Borochow, Tschermerinski und Weinger über Lautlehre und Recht-, schreibung des Jiddischen zu verzeichnen. Die erste Frage, die sich ausdrängt, ist natürlich die nach der geschichtlichen Entstehung dieser Sprache. Hierzu ist es freilich notwendig, zunächst ein Bild von dem Kulturleben der Juden im frühen Mittelalter zu gewinnen, denn gerade hierüber herrschen oft in jüdischen' und Nichtjüdischen Kreisen die merkwürdigsten Vorstellungen, die zu den seltsamsten Jrrtümern Anlaß, geben. Es ist vornehmlich ein großer Fehler, wenn man die Ghettotragik des späten Mittelalters und der Neuzeit auch in jenen Zeiten als vorhanden annimmt und wenn man glaubt, die Juden hätten damals abgesondert gelebt und seien von der deutschen Kultur ausgeschlossen gewesen. In den Tagen der Karolinger und der sächsischen Kaiser waren sie derart in allen Kulturäußer-