Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Die Sprache der Ostjuden
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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die Kulturemanzipation, und seine Schüler suchten aus den angedeuteten Gründen das Jiddische auf jede nur erdenkliche Weise auszurotten. Ihre völlig unzulängliche philologische Erkenntnis ließ sie glauben, daß es sich tatsächlich um ein verderbtes Deutsch, um einen Jargon handelte, eine Meinung, die in einem milderen Lichte erscheint, wenn man bedenkt/ daß auch heute noch viele Leute jeden deutschen Dialekt für ein verdorbenes Hochdeutsch halten. . Wie Mendelssohns Anschauung bei dem nachfolgenden Geschlecht Schule gemacht hat, beweist die Stellung des großen Historikers Heinrich Grätz, der gewiß die Geschichte seiner Gemeinschaft verstand, wie kaum einer zuvor, und der doch die Bedeutung und den Wert des Jiddischen völlig verkannte und es darum bekämpfte. Er nennt die Sprache der polnischen Juden „ein lachenerregendes Kauderwelsch, ein häßliches Gelalle". Undso kann man es Treitschke ganz gewiß nicht allzuübel vermerken, wenn für ihn das Jiddische eine „abscheuliche verhunzte" Sprache ist. In heutiger Zeit ist der Hebräismus, der das Hebräische zur Profansprache der Judenheit zu machen versucht, ein mehr oder minder ausgesprochener Feind der eigentlichen Sprache der Judenmassen geworden, und nach jeder Richtung, ob es sich nun um die philologische Bearbeitung, um das Bewußtsein ihrer Schönheit und ihrer Bedeutung für die Germanistik, oder schließlich um ihre unendliche praktische Wichtigkeit für das Judentum handelt, überall steht man. vor Hindernissen, die sich zu Bergen auftürmen. Die Erkenntnis, daß auch dieser deutsche Dialekt für die Geschichte der deutschen Sprache von erheblicher Tragweite ist, wurde in wissenschaftlichen Kreisen zum ersten Mal wahrscheinlich im Jahre 1868 ausgesprochen, als Prof. Hildebrandt von der germanistischen Sektion der 26. Philologenversammlung zu Würzburg die Sprache, wenn auch nur in den großen Zügen, behandelte und die Behauptung aufstellte, daß die Juden im Mittelalten Träger der deutschen Kultur im Osten gewesen seien. Um diese Zeit begann man im Westen sich auch aus anderen Gründen etwas näher mit den Ostjuden zu be-