Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1916-01-01 · 19 (1916) · p. Seite 137

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
19 (1916)
Article
Die Sprache der Ostjuden
Date
1916-01-01
Page
Seite 137 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111104-3116909--5317-3117078
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

137 Stiefkinder der Weltgeschichte! Während sonst alle deutschen Sprachinseln, mochten sie noch so unbedeutend erscheinen, emsig mit den Mitteln ernster Forschung beackert worden sind, seit man den Wert der Dialektforschung erkannte, während man ihren Lautbestand, ihre -Grammatik, ihren Wortschatz mit vielem Fleiß und Erfolg feststellte und auszeichnete, beginnt die philologische Wissenschaft erst in ganz neuer Zeit den Wert dieser Judensprache zu erkennen und zu würdigen. Der Grund für die Vernachlässigung lag vornehmlich in der Geringschätzung, die man dem verachteten Juden entgegenbrachte. Was er redete, hielt man ohne nähere Prüfung von vornherein für etwas verdorbenes, ein Kauderwelsch, eine Mischsprache, oder wie man einfach zur Brandmarküng sagte, einen „Jargon". Dazu ergaben sich freilich für den nichtjüdischen Germanisten auch nicht unbeträchtliche Schwierigkeiten. Die Literaturdenkmäler waren in hebräischer Schrift geschrieben, die man «rst noch erlernen mußte. Ueberdies zeigte sich der Wortschatz, in gleicher Weise wie etwa das Englische durch romanische, durch slawische und hebräische Wörter beeinflußt, sodaß gewisse Kenntnisse der russischen und polnischen Sprache und noch größere der hebräischen für jeden erforderlich waren, der das Jiddische wissenschaftlich -erforschen wollte. Die wissenschaftliche Bearbeitung wäre also vornehmlich Aufgabe eines jüdischen, des Hebräischen kundigen Germanisten gewesen; aber bei den wenigen, die das schwierige Unternehmen hätten durchführen können, fand sich nur wenig Neigung und Verständnis dafür. Es war ein weiteres, sehr bedauerliches Hindernis, das sich der Erforschung dieser Mundart entgegenstellte, daß die Juden selber ihr mit einer ausgeprägten Feindschaft begegneten und ihr das Recht einer Judensprache nicht zuerkennen wollten. In früherer Zeit geschah dies aus dem Drange zur Emanzipation und Assimilation, die den Gebrauch der allgemeinen deutschen Schrift- und Umgangssprache förderte und forderte. Moses Mendelssohn, der Vorkämpfer für

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.