Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Die Sprache der Ostjuden
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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136 tieferes Eindringen wird. man sich kaum davon überzeugen können, daß etwa die Sprache, der althochdeutschen Merseburger Zaubersprüche, des ältesten deutschen Sprachdenkmals, dieselbe ist, wie die des niederdeutschen Dichters Reuter. Diese vielen, so sehr verschiedenen Dialekte, welche sich auf deutscher Erde bildeten, haben sich nun m i t einander oder aus einander entwickelt; sie standen jedenfalls, soweit sie gleichzeitig gesprochen wurden, in einem lebendigen Zusammenhang. Sie beeinsiussen sich gegenseitig vornehmlich im Wortschatz und Stil. Es gibt aber auch Mundarten, welche frühzeitig von dem Zusammenhänge mit der Muttersprache getrennt wurden, welche inmitten einer Bevölkerung fremder Zunge sich als Sprachinseln erhalten und eine Eigenentwickelung durchgemacht haben. Am bekanntesten von solchen Kindern des deutschen Stammes ist die Sprache der Sachsen Siebenbürgens. Im gewissen Sinne gehört auch die englische Sprache hierher, welche die Eigenentwickelung des niederdeutschen Dialektes der Angeln, Sachsen und Jüten darstellt, und nur im Wortschatz später Beeinflussungen durch romanisches Gut, die Sprache der normanischen Eroberer, erfuhr. Hierzu kann man auch das Holländische und Vlämische rechnen, das seine späte Absonderung politischen Ereignissen verdankt. Eine von diesen abgesprengten Sprachen ist auch für uns Juden und für die Geschichte unserer Gemeinschaft von außerordentlicher Bedeutung geworden. Schon seit vielen Jahrhunderten bedienen sich die Juden in Polen, Galizien, Rußland, Ungarn und Rumänien eines deutschen Dialektes, der sich inmitten der polnischen, russischen, ruthenischen, ungarischen und rumänischen Umgebung mit großer Zähigkeit erhalten hat, der neuerdings mit dem Strome seiner Träger auch nach England und Nordamerika in ein englisches Sprachgebiet verpflanzt worden ist. Diese Mundart ist das „Jiddische", oder, wie man sie nicht gerade glücklich in Deutschland häufig nennt, das „Jüdisch-deutsche". Dieser deutsche Dialekt hat das Schicksal derer geteilt, die ihn sprechen. Beide sind sie die verachteten