Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111104-3116907--5287-3117050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
109 das bloße Dasein, zur Ehre Gottes beizutragen, sondernals ein mit geistig-sittlicher Kraft ausgestattetes Wesen^ strebe der Mensch, Gott dadurch zu ehren, daß diese geistig-sittliche Kraft in seinem Leben und Wirken vorherrsche und im Kampfe sich bewähre sowohl gegen die in ihm lebenden Triebe, als auch gegen das von außen auf ihn anstürmende Unsittliche. So meint Rabbi Josua, wer seinen bösen Trieb opfert, wer bekennt, daß er im Unrecht ist, dem wird es angerechnet, als ehrte er Gott in dieser, wie in der künftigen Welt. (Sanhedr 43 b) Nicht nur auf das Geistig-Sittliche, auch auf das Aesthetische hat der Mensch sein Augenmerk zu richten,, er darf niemals vergessen, daß er das Ebenbild Gottes ist, und Gott ehrt, wenn er sich, seinem Körper, die nötige Aufmerksamkeit zuwendet. Er soll vor dem Schönen das Auge nicht verschließen und bei dem Anblicke schöner Geschöpfe sprechen: Gepriesen sei Gott, der solche in seine Welt gesetzt." (Sabbat 60b) Die Liebe, an sich uneigennützig, hat doch eine ihrer Quellen in der Dankbarkeit. In der Bekundung dieser wird eine Ehrung Gottes gesehen. Daher das strenge Gebot der auf peinliche Observanz achtenden Schule Schammeis, den Dank für das Genossene da zu sprechen, wo man das Mahl eingenommen hat, und wenn man es vergessen hat, bis zu einer bestimmten Entfernung^, dahin zurückzukehren. Meinst du, daß es sich nicht lohnt, oder deiner Ehre Abbruch tut? ״Sieh doch, wenn du deinen Geldbeutel dort vergessen hast, kehrst du zurück^ ist dir die Ehre Gottes nicht so viel wert?" (Berachot 53b) Man lebt zur Ehre Gottes, wenn man zur Liebe der Menschen unter einander beiträgt, den Frieden fördert, den Geist klärt. Das hat Jonatan ben Usiek getan, dem die aramäische Uebersetzung zu den Propheten zugeschrieben wird. Diese Uebersetzung erregte ungemeines Aufsehen. ״Wer hat es gewagt," so lautet die Frage, ״die Geheimnisse Gottes den Menschen zu offenbaren?" Ich bin es, spricht Jonatan. Aber vor dir,. Gott, ist es offenbar, daß es nicht um meiner Ehre willen, und nicht um die meines Vaterhauses geschehen!