Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 11)
- Language
- German
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97 sie können unmöglich für den Laien oder das heranwachsende Kind aufgestellt werden. Die Frage, ob bei dem noch unreifen Schüler mehr Gewicht auf Las Erlernen eines großen Lehrstoffes, oder auf das tiefe Eindringen in den, wenn auch weniger gebotenen Lehrstoff gelegt werden soll, wird zugunsten des elfteren entschieden, Man sammle erst Wissen, das Nachdenken tritt von selbst ein, oder wörtlich, erst lerne, dann forsche (Berachot 63 b). Zunächst wird der Fleiß empfohlen. Kein Tag, keine Stunde darf ohne Thora vorübergehen. Wie dem Kinde die Nahrung zugesührt werden muß, so mußt du deinen Geist täglich, stündlich mit Thora nähren (Jerus. Berachot 9). Der bekannte Satz: Stillstand ist Rückstand, wird mit den Worten ausgedrückt: Wer hinzutut, vermehrt (das Wissen), wer nichts hinzutut, verliert (Taanit 31a). Um Wissen zu sammeln, muß man die falsche Scham ablegen, darf sich seiner Unwissenheit nicht schämen. Wie der Lehrer nicht jähzornig sein darf, so darf der Schüler nicht glauben machen wollen, daß er wisse, was er nicht weiß (Abot 2, 5). Man scheue den Spott der Umgebung, der Mitschüler und Genossen nicht und frage immer wieder, bis man das Vorgetragene begriffen hat (Berch. 63 b). Von dem reifen Schüler, besonders von dem Gelehrten, wird nicht nur das Wissen der Sache, es wird deren tiefes Erfassen verlangt, er muß sie nach allen Seiten zu erforschen suchen, ihre Quellen kennen, ihre Anwendung verstehen. Er darf, wenn befragt, nicht stotternd, ausweichend antworten, sondern muß klar und bestimmt seine Meinung sagen. ״Geschliffen sei das Wort der Lehre in deinem Munde" (Kidduschin 30 a). Ebenso wichtig, wie selbstverständlich, ist die andere pädagogische Regel, das Gelernte zu wiederholen. Ohne Wiederholung nützt weder der Fleiß noch die Schärfe des Verstandes. Am Ende jeder Woche soll das Gelernte nochmals durchgenommen werden, zum mindesten aber am Ende jedes Monats (Berachot 38 b, Pessachim 68 b). 7