Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1916-01-01 · 19 (1916) · p. Seite 82

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
19 (1916)
Article
Israels Religion im Lichte der altorientalischen Geisteskultur
Date
1916-01-01
Page
Seite 82 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111104-3116906--5259-3117023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

82 „Amon ist bester für mich als Millionen von'Fußvolk und Hunderttausend von Streitwagen. Nichts sind die Werke der Menschen, Amon ist wertvoller denn sie. Ich bin dir mehr wert denn Hunderttausend." Aber im allgemeinen sah sich doch der Mensch, und nicht zum wenigsten der Fromme oft unlösbaren Rätseln gegenüber. So wird es begreiflich, wenn wir in Babylonien wie in Aegypten der Ansicht begegnen, daß der Mensch ein hinfälliges Wesen ist, daß alles auf Erden vorherbestimmt sei und das Lebensgeschick des Einzelnen feststehe bis zum Tode hin, der in einer ägyptischen offiziellen Urkunde als das von Gott Verhängte bezeichnet wird. Babylonischerseits entspricht dem die Vorstellung von den Schicksalstafeln oder dem Schicksalsbuch, welches die Zauberkraft besitzt, daß die darin Eingetragenen leben bleiben, dagegen die daraus Gestrichenen sterben müssen. Nebukadnezar betet zu Nebo: „Auf deiner unabänderlichen Tafel, welche die Abgrenzung des Himmels und der Erde bestimmt, bestimme die Länge meiner Tage, schreibe meine Nachkommenschaft ein." In den jüdischen Exulantenkreisen Babyloniens mag diese Anschauung ausgenommen sein, und so kommt es, daß wir sie in einem der jüngeren Psalmen wiederfinden: Ehe ich noch ins Leben trat, wurden meine „Tage gebildet und alle in dein Buch geschrieben."*) Steht aber der Mensch einem dunklen Geschick gegenüber, so handelt es sich darum, was er mit den Tagen ansängt, die ihm geschenkt sind. Da liegt es nahe, daß er aus den Gedanken kommt, unbekümmert um das Morgen die kurze Frist des Heute zu genießen. In einem ägyptischen Gedicht, dem sog. Harfnerliede, heißt es: „Die Klage errettet niemand aus dem Grab. Drum feiere den frohen Tag und werde sein nicht müde. Denn noch niemandem war vergönnt, seine Habe mit sich zu nehmen. Und noch keiner, der fortging, ist zurückgekehrt." y Vgl. Ps. 139, 16.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.