Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Israels Religion im Lichte der altorientalischen Geisteskultur
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3111067-3111104-3116906--5255-3117019- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
78 — Zorn — so glaubte man — suchte bisweilen den Sohn heim für den Vater oder ließ für den Einzelnen die ganze Familie leiden; „Die da Böses tun, ihre Nachkommenschaft hat nicht Bestand", heißt es in einem babylonischen Hymnus. Das sind Anschauungen, die in Israel allbekannte Parallelen haben. Diesem Zorn der Götter oder Dämonen suchte man durch Beschwörungen zu begegnen. Im Zweistromland war dieses Bestreben so stark, daß Beschwörungen den Grundstock des religiösen und kultischen Lebens bildeten. Man brauchte dabei aber einen, der mit Erfolg zu beschwören vermochte: der Laie bedurfte des Priesters. Der mußte die Beschwörung leiten, das Opfer vollziehen und durch Orakel oder Vorzeichen das künftige Geschick des hilfesuchenden Laien bestimmen. Eine individuelle Religiosität wurde natürlich durch diese unerläßliche Mitwirkung des Priesters stark unterbunden, und was später noch an solcher anzuführen sein wird, muß notwendig unter dieser eben erwähnten Einschränkung betrachtet werden. Babylonische Gottesfurcht ist zum guten Teil Dämonenfurcht, babylonische Religiosität geht am Gängelbande des Priesters. Wie anders in Israel! — „Die Jahwefurcht ist der Weisheit Anfang." Dieses Wort, obgleich spät überliefert, ist inhaltlich durchaus nicht spät. Es zeigt, daß die israelitische Religiosität ruht auf . sittlichem Grunde, auf dem freudigen Gehorsam, mit dem der Mensch die Gebote seines Gottes erfüllt. Der Gottesfürchtige hat seine Freude am Gesetz. Demgemäß ist die Beziehung zwischen Gott und Mensch 'denn auch eine von Person zu Person. Ich halte den Satz, daß in Israel das Individuum im Vergleich zur Gemeinschaft auffallend wenig zu bedeuten habe, in religiöser Beziehung jedenfalls nicht für richtig. Ohne das Vorhandensein irgend welchen persönlichen Verhältnisses zur Gottheit in den anderen altorientalischen Religionen gänzlich bestreiten zu wollen — ohne ein solches ist eine Religion wohl überhaupt nicht denkbar — so ist doch gerade das das Eigentümliche der Religion Israels, daß sie religiöse Individualitäten in Menge erzeugt hat, Abraham, Moses, Elias, die fchriftstellernden