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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1916-01-01 · 19 (1916) · p. Seite 72

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
19 (1916)
Article
Israels Religion im Lichte der altorientalischen Geisteskultur
Date
1916-01-01
Page
Seite 72 (sequence 13)
Language
German
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72 Ganz besonders offenbart sich diese religiöse Ueberlegenheit Israels in dem sittlichen Charakter seiner Gottheit. Von Anbeginn ist Jahwe der Gott der Gerechtigkeit; der Gott, der im Dekalog — wie immer dessen ursprünglicher Wortlaut gewesen sein mag —, den Seinen bestimmte sittliche Grundgebote auferlegt. Diese inhaltlich vorwiegend sozialen Pflichten werden als religiöse hingestellt und als die Grundbedingungen bezeichnet für ein Gott wohlgefälliges Verhalten des Menschen. Die Bedeutung, die diesen Geboten innerhalb der Religion Israels eingeräumt wird, charakterisiert die Religion selbst, eirte ihrer hervorragendsten Tugenden liegt in der sozialen Betätigung, die sie von ihren Anhängern fordert: „Brich dem Hungrigen dein Brot, führe den Obdachlosen ins Haus. Wenn du Einen nackt siehst, bekleide ihn.") In Babylon wie in Aegypten fehlten den Gottheiten gewisse sittliche Eigenschaften nicht. Wir werden in einem späteren Zusammenhang darauf noch zu sprechen kommen; allein sie waren sozusagen nur eine Zutat; ein Element, das sich aus einem erst sekundären Charakterzug des ursprünglichen Naturgottes herausgebildet hatte; nämlich dadurch, daß der betr. Naturgott zum Gott eines Stammes, einer Stadt, überhaupt einer menschlichen Gemeinschaft wurde, erwuchs ihm eine sittliche Beziehung zu jener und damit gewisse sittliche Eigenschaften. Um aber auch hier den richtigen Gesichtswinkel zu gewinnen, so sei auf folgendes hingewiesen: den Göttern Vorderasiens und Aegyptens eignen doch bei allen möglichen Tugenden, die ihnen beigelegt werden, auch recht bedenkliche sittliche Schwächen. Im A. T. wird ein Mal über das andere die Heiligkeit Jahwes hervorgehoben, bei Jesaias ist „der Heilige Israels" die solenne Bezeichnung für ihn; es gehört eben das sittliche Moment als integrierender Faktor zu seinem Wesen. Diese Grundverschiedenheit in der Auffassung des göttlichen Wesens findet noch in anderer Richtung ihren >) Vgl. Jes. 58, 7.

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