Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Israels Religion im Lichte der altorientalischen Geisteskultur
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 8)
- Language
- German
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67 Erwartungsvoll, mit erhobenem Haupte schauen die Menschen nach dem Sonnenlicht. Wenn du„ erscheinst, jubeln und jauchzen sie. Das Panier für die weite Erde bist du. Zahlreiche Völker schauen auf dich mit Freude." Einen besonderen Zweig der geistlichen Poesie Babyloniens Pellen die privaten und öffentlichen Klagelieder und die -sogenannten Bußpsalmen dar. Ihre formale Uebereinftimmung mit der entsprechenden Poesie des A. T. ist -geradezu frappant. Nicht allein, daß bei Babyloniern wie Aegyptern sich der Parallelismus der Versglieder sowie die Stropheneinteilung findet; und daß auch bei den Babyloniern die Kunstform des Akrostichons begegnet; es gibt eine ganze Reihe poetischer Wendungen, die in der lyrischen Poesie Israels wie der Babylonier und auch Aegypter stehend sind. So, wenn der nach göttlicher Hilfe schmachtende Fromme seufzt: Wie lange noch, o mein Gott? — oder wenn er seine Leiden schildert unter dem Bilde qualvoller Krankheit, den sicheren Tod vor Augen. „Meine-Träne ward mir zur Speise bei Tag und bei Nacht", sagt der a.-t.liche Dichter, und im babylonischen Bußpsalm klagt die bekümmerte Seele: Weinen war meine Labung, Tränen waren mein Getränk. Die Worte eines anderen Liedes erinnern lebhaft an Psalm 6: „Mein Auge ist mit Weinen erfüllt Auf dem Nachtlager liege ich voll Seufzen Weinen und Seufzen haben mich niedergebeugt." Psalm 6: Ich bin müde von Seufzen Ich netze die ganze Nacht mein Lager, Ich feuchte mit Tränen mein Bett." — - Dem Schreien der Hinde nach Wasserbächen im Psalm *) entspricht das Stöhnen der Wildkuh, das Klagen der Taube, das den Seufzern der babylonischen Frommen .zum Vergleiche dient. Aehnliche Vergleiche bietet auch die ägyptische Poesie. Hier wie dort gelobt der Fromme, i) Vgl. Ps. 42, 2. 5*