Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Israels Religion im Lichte der altorientalischen Geisteskultur
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111104-3116906--5238-3117002- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
61 tischen und ägyptischen Geisteskultur zu betrachten und? zu verstehen, das „Generalproblem" sei für die Wissenschaft vom A. T. Bei der Behandlung dieses Problems wirkt erschwerend. nicht nur, daß wir bislang von jener Kultür nur erst eine teilweis lückenhafte Kenntnis haben, so daß? über manche Einzelheiten noch tiefgehende Differenzen unter den Fachleuten bestehen; sondern vielmehr auch, daß wir über die Vermittelung jener Kultur an Israel, sei es direkt, sei es durch die Kanaanäer nicht allzuviel Sicheres wissen. Gewöhnlich nimmt man an, das vorisraelitische Kanaan sei eine unbestrittene Domäne der babylonischen Kultur — dies Wort in weitestem Sinne — gewesen, und diese babylonische Kultur sei durch die Kanaanäer dem israelitischen Naturvolk bei seinem Eintritt in Kanaan vermittelt. Nun ruht aber schon die erste Annahme auf recht beschränktem Beweismaterial. Daneben bleibt es eine schwierige Spezialfrage, wie weit damals die Kanaanäer Eigenes, bezw. die babylonischen oder auch ägyptischen Kulturelemente in modifizierten Gestalt den Israeliten geboten haben. Des weiteren: mag man zurzeit das Zweistromland? und Aegypten als die bedeutendsten Quellen der altorientalischen Geisteskultur ansehen, sie sind doch keineswegs die einzigen gewesen. Kanaanäer und andere hier in Betracht kommende Völker, ja die Israeliten selbst,, haben ihre geistige Eigenart gehabt; so zeigt die phönizische Kosmogonie wesentliche Abweichungen von der babylonischen, und bei aller Verwandtschaft zwischen dem Kodex Hammurapi und dem a.-t.lichen Bundesbuch hat Israel doch andere Rechtsbräuche und eine andere Rechtsentwicklung aufzuweisen. Dürften nicht auch von dieser Seite geistige Einwirkungen aus den Osten und Süden erfolgt fein? — Kurz, es sind in der Zeit vom dritten bis ersten vorchristlichen Jahrtausend zahlreiche geistige Fäden von Ost nach West, von Nord nach Süd herüber und hinüber vorauszusetzen, und die Vergleichungsaufgabe ist darum weit komplizierter als sie auf den ersten Blick erscheint.