Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 17)
- Language
- German
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34 er als die Fortsetzung der Volksreligion bezeichnet? Er gibt selbst zu, daß er mit dem talmudischen Schrifttum nicht vertraut ist. Dieses Schrifttum beruht, wie un-. zählige Male nachgewiesen wurde, in seinem ethischen Gehalt auf der Bibel, auf den Lehren der Propheten, die es zu interpretieren und im Volk zu befestigen bestrebt ist. Alle Juden, mit Ausnahme der kleinen Sekte der Karäer, find rabbinische Juden und finden im nachbiblischen religiösen Schrifttum Elemente der erhabensten sittlichen Belehrung. Wenn Einiges herausgerissen wird, das damit nicht übereinstimmt, so betrifft dies ebenso wenig die Ethik des nachbiblischen Judentums, wie manche zum mindesten nicht einwandfreie Aeußerungen von Kirchenvätern undfonstigenchristlichenSchriftstellernin ältererund neuerer Zeit den sittlichen Gehalt des Christentums wiedergeben. Es ist mir hier nicht möglich, auf alle Einzelheiten in dieser Schrift einzugehen. Aber eine Bemerkung des Verfassers verdient weitere Verbreitung. Hermann Cohen hat in einem Aussatz nachgewiesen, daß das Gebot der Menschenliebe, wie es im 3. Buch Moses 19, 18 formuliert ist, sich nicht auf den Volksgenossen beschränkt, sondern alle Menschen umfaßt: Du sollst den anderen (lorsaebg.) lieben usw. Das erregt Herrn Kittels Mißfallen und er leitet seine Polemik gegen Cohen mit den Worten ein: „Ein gewesener Professor der Philosophie ist, auch wenn er geborener Jude ist, damit noch nicht ein sachkundiger Erklärer der hebräischen Bibel." Es kann sich doch nur darum handeln, ob die Erklärung richtig ist oder nicht. Selbst wenn man niemals Professor gewesen ist und den jüdischen Geburtsfehler gar nicht zu verheimlichen gedenkt, kann man mitunter die hebräische Bibel besser erklären als manche wohlbestallte und patentierte Theologieprosessoren. Wenn die Sache nicht so ernst wäre, und wenn wir überhaupt nicht in einer so ernsten Zeit leben würden, möchte ich mir und andern den Spaß machen,, zu Dutzenden grobe Schnitzer in der Erklärung des nachbiblischen Schrifttums zusammenzustellen, die nicht von „gewesenen" Professoren jüdischen Glaubens herrühren, sondern von noch amtieren-