Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 14)
- Language
- German
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31 — gegenüber. Aber in der Judenheit hoffe ich bestimmt, daß die Not der Zeit nicht die religiöse Aeußerlichkeit Hervorbringen wird. Das Judentum ist Wissen und Ethik, das Streben des sittlichen Menschen zu geistiger Vervollkommnung durch Denken und sittliches Handeln. Darauf üben die Zeitereignisse, und mögen sie noch so schrecklich sein, keinen Einfluß. Wir werden hoffentlich auch in der Zukunft das tun, was unsere Vorfahren bie. Jahrtausende hindurch getan haben: wir werden den Weg Gottes suchen, wie der prophetische Ausdruck lautet — d. h. den Weg der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Menschenliebe. Uebersehen wir, was im Laufe des letzten Berichtsjahres auf dem Gebiete der Religionswissenschaft und der Religionsgeschichte zum Vorschein gekommen ist. Ich muß mit einem Buche anfangen, von dem ich mich lieber ganz abgewandt hätte, wenn es nicht als Verfasser den Namen eines hervorragenden und in seinem wissenschaftlichen Schaffen recht sympathischen Gelehrten tragen würde: „Judenfeindschaft oder Gotteslästerung?" von R. Kittel. Diese Schrift hat ihre Vorgeschichte, allerdings eine wenig erfreuliche. Ein Journalist hat es sich zur Ausgabe gemacht, in einer fast ausschließlich dazu bestimmten Zeitschrift das Judentum gröblich zu beschimpfen und die Juden gehässig zu verfolgen. Aus dem jüdischen religiösen Schrifttum werden Stellen und Aussprüche zusammengestoppelt, aus dem Zusammenhang gerissen, unrichtig übersetzt, entstellt und in falsches^Licht gerückt, um so das Judentum als menschenfeindlich und die 'Unsittlichkeit fördernd zu denunzieren. Diese Methode wurde früher zur Verunglimpfung des nachbiblischen Judentums angewandt. Da aber dieses klopffechterische Handwerk so ziemlich langweilig wurde, ging der oben bezeichnete Journalist zu Angriffen auf die Bibel' und auf „Jehova", den „Judengott", über, was einen gotteslästerlichen Eindruck hervorries. Es haben, wie in der Schrift von Kittel ausdrücklich betont wird, auch Christen an dieser unflätigen Beschimpfung der Bibel Anstoß genommen. Eine jüdische Körperschaft hat aber beim