Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1916-01-01 · 19 (1916) · p. Seite 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
19 (1916)
Article
Literarische Jahresrevue
Date
1916-01-01
Page
Seite 30 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111104-3116905--5206-3116971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

30 v ixitt in das religiöse Denken zu verwehren. Was in der zweiten H.älfte des 18. Jahrhunderts in der Judenheit geschah, war eigentlich nichts anderes als die Wiederbelebung des Mittelalters — natürlich unseres Mittelalters, das für uns eine Epoche der freien Forschung grade ,auf dem Gebiete der Religionswissenschaft war. Allerdings muß dabei gesagt werden, daß nur Wenige in der Aufklärungszeit die wissenschaftliche Höhe erreicht haben, die das jüdische Mittelalter kennzeichnet. Maimonides z. B. bildet einen Höhepunkt der bedingungslosen Kritik, der selbst in unseren Tagen mit Erstaunen angesehen zu werden verdient. In den früheren Jahrhunderten fehlte uns vielfach die Kenntnis der Tatsachen. Man wußte auf dem Gebiete der Religionswissenschaft Vieles nicht, das erst in den letzten Jahrzehnten durch Ausgrabungen und Aufdeckungen bekannt geworden ist. Man braucht nur auf die afsyriologischen und ägyptologischen Forschungen hinzuweisen, die grade in der religionsgeschichtlichen Disziplin ungemein aufhellend gewirkt haben. Selbstverständlich gab es dann viel umzulernen und neuzulernen. Aber die Methode ist im Judentum alt. Das Judentum ist keine Religion des Glaubens, sondern öin Wissen. Schleiermacher hat sich bekanntlich gegen das Wort „Religion" gesträubt, das vom römischen Heidentum übernommen ist und die röniische Staatskirche bezeichnet. Er wollte dafür das Wort Frömmigkeit eingeführt wissen. Im Judentum erscheinen diese Erörterungen überflüssig. Mit der rsliAio der römischen Welt hat es nicht das Mindeste gemein. Es ist ein Wissen im ethischen Sinne und ein sittliches Handeln, das von Vernunft und Ethik diktiert ist Deshalb hat das Judentum niemals die freie Forschung gescheut, und deshalb wird es auch niemals kirchliche Frömmigkeit werden. Man spricht in unseren Tagen davon, daß die großen Zeitereignisse, die schweren Prüfungen, von denen die europäischen Völker heimgesucht wurden, die Menschen religiöser machen werden. Soweit dies die christliche Welt betrifft, stehe ich dW Erscheinungen bloß als Beobachter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.