Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5675
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
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12 Glück nun längst beseitigten, Herrschaft in Ost- und Mittel-Galizien, sowie in der Bukowina haben sie unter Ler jüdischen Bevölkerung schlimmer als die Wilden gehaust, geplündert, gebrannt, gemordet, die Mädchen und Frauen vergewaltigt. Bei dem Abzüge der russischen Truppen hatte Nikolai Nikolajewitsch die Mitführung sämtlicher Juden aus Galizien anbefohlen, die nach dem Inneren Rußlands gebracht werden. sollten. Zum Glück wurde der Rückzug der Kämpfer „für Kultur und Freiheit" ein so fluchtartiger, daß jene barbarische Maßregel uicht durchgeführt werden konnte und die russischen Helden sich mit einzelnen Greueltaten begnügen mußten. Was will gegen alle solche Schändlichkeiten die Berufung eines einzigen Juden in den Reichsrat besagen! In den „Kulturländern" England und Frankreich über haben sich nur vereinzelte Stimmen gegen die Greuel des edlen Verbündeten an der Newa zu erheben gewagt. Ja, die englische Regierung hat sich nicht geschämt, Zeitungen zu unterdrücken, die gegen die russische Schande Protest erhoben. Daß die englischen und französischen Juden, mit geringen Ausnahmen, zu allem dem schwiegen, kann nur mit ihrer Furcht vor dem in beiden Ländern leider stark anwachsenden Antisemitismus einigermaßen entschuldigt werden. Um so mehr haben wir deutsche und österreichischungarische Juden das künftige Schicksal unserer östlichen Glaubensgenossen ins Auge zu fassen. Der von allen heiß ersehnte Friede scheint noch weit entfernt, und wie er sich gestalten wird, ist heute in Dunkel gehüllt. Niemand kann seine Bedingungen vorhersehen. Allein wenn nicht, was ja kaum zu befürchten ist. ein völliger Umschwung stattfindet, so scheint gewiß, daß Deuschland und Oesterreich-Ungarn das ehemalige Königreich Polen, die litauische Festungsreihe von Kowno bis Brest-Litowsk sowie Kurland unter irgend einer Form ihrem politischen Einflüsse Vorbehalten werden. Trotzdem ist es ein dringendes, ein unabweisbares Bedürfnis, daß schon jetzt das Schicksal der drei Millionen Juden, die diese Länder sowie das bereits von den Ver-