Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5675
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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9 „Im Namen welcher Wahrheit", fährt an anderer Stelle Tscheidze fort, „veröffentlicht der „Regierungsbote" die in allen Teilen erfundene Nachricht, daß die Juden die russischen Truppen bei Korjy verraten hätten? Im Namen welchen Grundsatzes zwingt man die Zeitungen unter Androhung von Strafen, diese Nachricht wiederzugeben? Ist es ein Akt der Gerechtigkeit, daß verwundete, auf den Schlachtfeldern verkrüppelte jüdische Kriegsfreiwillige aus russischen Städten vertrieben und gezwungen werden, ihren Aufenthaltsort binnen 24 Stunden zu verlassen? Ist es ein Akt der Menschlichkeit, zu verbieten, daß den weggejagten, aus dem Transport in Viehwagen verhungernden Juden Nahrung gereicht werde? Auf Grund welcher Berechtigung hat die Regierung die gesamte jüdische Presse mit einem Federstrich unterdrückt? Im Namen welcher Brüderlichkeit werden die russischen Soldaten gegen die jüdischen Soldaten aufgehetzt, mit denen sie zusammen im Schützengraben liegen?" Diese Beschuldigungen blieben von den Regierungsvertretern unwidersprochen, ebenso wie die des Führers der Arbeiterpartei Dzubinsky, gleichfalls eines Christen; sie sind so bezeichnend, daß sie auch die entsetzliche Mißhandlung der Juden besser schildern als einzelne Zeitungsangaben: „Ich habe mit eigenen Augen gesehen, mit welcher ausgesuchter Grausamkeit die Ausweisung der Juden aus dem Gouvernement Radom durchgeführt wurde. Die ganze Bevölkerung ist während der Nacht innerhalb weniger Stunden vertrieben worden. Um 11 Uhr abends wurde der Ausweisungsbefehl für die Juden erlassen, der jeden mit der Todesstrafe bedrohte, der etwa nach Sonnenaufgang noch gesehen würde. Und so begann im Dunkel der Nacht der Auszug der Juden in der Richtung der 30 Werst entfernten Stadt Jlja. Kranke und Gelähmte mußten weggetragen werden, da alle Transportmittel fehlten. Die Zahl der Ausgewiesenen ist ungeheuer. Man hat aus dem Gouvernement Kowno 150,000, aus dem Gouvernement Grodno ungefähr 460 000, aus