Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5675
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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zwei ersten Septemberwochen wurden 34 besonders krasse Fälle von Judenausweifungen festgestellt. Schwerverwundete jüdische Soldaten wurden aus den Lazaretten oder sogar verwandten Häusern gewaltsam herausgerissen und abgeschoben. Mütter, die ihre verwundeten Söhne im Lazarett zu besuchen kamen, wurden ohne Erbarmen von der Polizei weggeschafft, ohne auch nur ihre Söhne sehen zu dürfen. Alle diese Fälle sind namentlich nachgewiesen worden. Die furchtbaren Niederlagen des russischen Heeres und der Verlust so vieler reicher Provinzen an die Deutschen und an Oesterreich-Ungarn mußten einem Prügeljungen zugeschrieben werden, und den fand man leicht in den Juden. Mit Recht sagte der demokratische — christliche — Abgeordnete Tscheidze in seiner Rede in der Duma: „Es ist ihnen bekannt, meine Herren, daß die Regierung ihr ganzes Dasein aus die Verfolgung der Juden gegründet hat. In Augenblicken, die für die russische Regierung kritisch zu werden drohen, richtet sie ihre Schläge mit Vorliebe gegen die Juden, weil diese ihr den schwächsten Widerstand leisten können. Vor einem Jahre brach der Krieg aus, und siehe, die Regierung hielt sich wieder an die Juden. Nur legt man ihnen jetzt nicht Ritualmorde zur Last, sondern beschuldigt sie des Verrats und der Ehrlosigkeit. Aber nicht die Juden sind die wahren Schuldigen gewesen. Das ganze Land weiß es: schuldig sind diejenigen, die sich auf Kosten des Heeres und feines Bedarfs bereichert haben. Schuldig sind diejenigen, die, geführt von den Miassojedow, Grotguß und anderen Verrätern, Rußland verraten haben. Unter ihnen, aus deren Mitte einige der bedeutendsten Mitglieder soeben hingerichtet worden sind, hat eine bedeutende Rolle der Minister des Inneren, Maklakow, gespielt, der vor kurzem sein Amt niedergelegt hat, und der in Wahrheit die Inkarnation des reaktionären Regimes darstellt." Der Redner hätte noch den abgesetzten und Angeklagten Kriegsminister Suchomlinow anführen können, der zum mindesten zwanzig Millionen Rubel an Kriegsgeldern unterschlagen hat.