Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1915-01-01 · 18 (1915) · p. Seite 237

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
18 (1915)
Article
Die Eisenbergers
Date
1915-01-01
Page
Seite 237 (sequence 46)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3111067-3111102-3116607--5123-3116870
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

237 In der Khille machte die Anwesenheit des Enkeln sohnes von Josef Eisenberger und seines Freundes, des Baron von Rettlinghausen, fortgesetzt das größte Aufsehen. Man beobachtete sie aus Schritt und Tritt. Wo die jungen Leute sich zeigten, sah man ihnen nach, bewunderte ihre eleganten Erscheinungen, ihre feine, modische Kleidung, ihre gute Haltung und ihren forschen Gang. So was war man in der, wenn auch jetzt längst freiwilligen Judengasfe nicht gewöhnt. An den Haustürenstanden die Männer und aus den Fenstern lugten die Frauen und Mädchen und folgten ihnen mit den Blicken und tuschelten miteinander, wenn sie vorüberkamen, artige grüßend, mit freundlichen Mienen. Der Baron gefiel ihnen. Sie hatten sich ihn wohl anders gedacht, und Jossel Eisenbergers Einikel gehörte gewissermaßen zu ihnen, und deshalb freuten sie sich, daß er „ä so ä feinen Umgang hat", wie Simche Teilhaber sich ausdrückte. Aber es gab auch eine kleine Gegenpartei der schwärzesten Orthodoxie, die sich dagegen erklärte, daß ä Goj, und noch dazu ä Adliger bei ä Jüd' wohnte, wie's Kind im Haus, und daß Jossel Eisenberger sich anstut, als gehör' er zur Mischpoche. „Das gehör' sich nich sor ä poscheten. Jid und ä Chuzpe is es, wenn man sich einladt Leit, zum wohnen und acheln die nix ' zu einem gehören. Un wenn die Madame auch zum Schochet schickt mit die Gäns' und- Hühner, so is schächten für ä Goj ä ganz überflüssige Sach' ..." eiferte Schemaje Rinkel, „man hat schon genug derlebt mit den Schächten be de „Roschuim", un wie sie ham gemacht aus ä Ochs oder ä Kalb ä Ritualmord! Nor de Schwein Ham se for sich behalten, bei ihnen bleib's!" So flogen die Redensarten hin und her, aus einer Gruppe, die sich um Saul Rappaport gebildet hatte, dessen gegenüberliegender Schusterkeller den besten Platz bot für allerhand Beobachtungen. Sie kamen daher so oft als möglich zu ihm, „auf ä Plausch" oder als Kundschaft und soviel Schuh hatte Saul Flickschuster in langer Zeit nicht zum Flicken bekommen, als in diesen letzten Tagen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.