Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Die Eisenbergers
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3111067-3111102-3116607--5096-3116843- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
210 die Lehre. Wie Wenns gestern gewesen wäre gedenkt er des unvergeßlichen Tages, wo er in das Geschäft eintrat, das ihm als der Inbegriff aller kaufmännischen Größe erschien. Was gabs dort nicht alles? Die schweren Ballen auf den Regalen: Tuch, Leinewand, Kleiderstoffe, Jacken, Hosen und Westen, die an breiten Ständern hingen, und auf den Brettern, die mit ausgezacktem Papier belegt waren, standen Glasbüchsen, aus denen allerhand Süßigkeiten ihn anlachten, Fruchtbonbons und Pomeränzel, und gelben Kandelzucker und Pfefferminzplätzchen und Reglise, und was der Delikatessen sonst waren. Und erst die Fässer mit Pflaumenmus und Heringen! Die Pakete mit Schuhwichs und Lichten, Schabbes- und -Jahrzeitlichten darunter, und Essig und Ol, und Zigarren und Tabak und noch viel, viel mehr. Wer nennt alle die Artikel so einer ländlichen Gemischtwarenhandlung ... er allerdings hatte sie sämtlich im Kopfe. Vom Peitschenstiel bis zum Grubenlämpchen! Und den unzähligen Dingen, die er bei der nachmaligen Erweiterung des Geschäftes noch einführte. Er schmunzelte befriedigt bei der Erinnerung. Schien ihm doch damals bei Beginn seiner Lehrzeit Chajim Kahns Laden eine schier unerschöpfliche Quelle aller Herrlichkeiten menschlicher Bedürfnisse. Und als gar die Frau seines Lehrherrn den „Tate" und ihn freundlich an den Kaffeetisch in die hinter dem Laden gelegene Stube einlud und ihm eine Tasse Kaffee mit einem großen Stück „Babe" — Napfkuchen mit Rosinen — gab, und dann als der Vater sich auf den Heimweg begab, nachdem er ihn vorher noch gebenscht hatte, heimlich eine Tafel Schokolade zusteckte, da fühlte er wie ein gewisses Heimatsgefühl ihn durchdrang, trotz des Abschiedes von Kindheit, Elternhaus und Geschwistern, die er heute früh verlassen. Etwas wie Feuchtigkeit stieg in Joses Eisenbergers Augen auf, und Rührung übermannte ihn, als er dieses Tages gedachte und der Gestalten aus seiner Jugend. Sie waren alle längst dahingegangen, Vater und Mutter, und seine Geschwister, bis auf eine seiner Schwestern, die, in Beuthen verheiratet, heute auch schon eine alte Frau war, wie er