Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Die Eisenbergers
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 204 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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— 204 — -er die Juden allmählich emporzuklimmen versuchten. So kam sein Sohn zum Rabbiner Dr. Herzfeld in Pension, einer der ganz wenigen, der mit dem Talmudstudium die akademische Ausbildung philosophischer Kenntnisse an- .gestrebt und sein Doktorexamen abgelegt hatte. Der Knabe erwarb sich die Gunst seiner Lehrer und Mitschüler. Er war fleißig, aufmerksam und bescheiden, dabei aber von einem Streben, das schon unverkennbar die Züge künftigen Ehrgeizes verriet. Dabei besaß er .eine lebhafte Fantasie, die öfter in allerhand märchenhaften Erzählungen einen Ausklang fand. Schon als Kind, wenn er mit den Bauernjungen auf den Feldern spielte, oder später, wenn er in den Schulferien nach Hause kam und durch die weiten Wiesenflächen und endlosen Ackerfelder, der schattenlosen, dürren Landschaft zog und von fern her aus den Schloten der Hochöfen, der Eisenhütten und Kohlenbergwerke den Rauch auffteigen sah, traten fantastische, vielleicht schon nachdenkliche Vorstellungen vor seine Seele. Und dann fabelte er, zurückgekehrt, seinen Kameraden in der Stadt von den Berggeistern vor, die er gesehen, und wie im Mondesschein Erdmännchen über die Felder getanzt und aus dem Boden rote Flammen emporgeschossen, zum Himmel aufstiegen und dort in goldene Wolken sich verwandelten. „Eisenberger, Du flunkerst", hieß es dann, oder: „Eisenberg, wo hast Du den Berggeist gesehen? In Peiskretscham oder in Antonienhütte?" „Vielleicht war's ein Grubenarbeiter aus Antonienhütte?" „Oder am Ende gar ein Jud' mit 'nem langen Bart? . . ." Das war die Stelle, wo er sterblich war. Jeder antisemitisch klingende Scherz -verletzte ihn in tiefster Seele. Er verlor sogleich seine knabenhafte Freudigkeit, fein fröhliches Fabuliertalent und zog sich beschämt und mißverstanden zurück. Trotzdem aber blieb die Erinnerung an seine Gymnasialzeit ihm ein köstlicher Besitz, und als er nach mit Vorzug abgelegtem Abiturientenexamen in die große Welt hinauszog, galt Gleiwitz ihm