Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Heinrich Laube und die Juden
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 153 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111102-3116605--5037-3116786- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
153 t)ie jüdischen Knaben verlören darüber viel Zeit für Erlernung nützlicher Wissenschaft, und ihr Geist würde einseitig gedrillt in den Evolutionen spitzfindiger Denkformen. Einen Nutzen hat diese Erziehung aber darin doch, daß eine ruhelose Tätigkeit des Denkens in ihnen erweckt und ihnen eine gewisse Systematik mitgegeben wird zum Kampf ums Dasein. Haben diese Knaben wirklich Geist, so eignen sie sich dann als Jünglinge, wenn sie herauskommen in den Tumult der Welt, leichtlich die verschiedenartigsten Wissenschaften an mit dem früh erworbenen Handwerkszeugs des Geistes. „Diese Vorbildung hatte meinen jungen jüdischen Gast zum Studium feinerer Naturwissenschaft geführt, und er -erzählte nur davon, wenn der Austausch über biblische Fragen, die mir als verdorbenem Theologen immer noch nahe lagen, erschöpft war. Politik war eigentlich nicht seine Sache, wenigstens nicht im Wege der Parteifragen. Er hatte etwas von jenen semitischen Menschen der Bibel, denen es ein Bedürfnis war, sich in die Wüste, in die Einsamkeit zurückzuziehen, um große Grundregeln religiöser Wissenschaft in sich auszuarbeiten bis auf den Umfang weniger Sätze. Mit diesen wenigen Sätzen kehren sie dann unter die Menschen zurück und lehren sanft und milde. Gutes zu stiften, die Menschen glücklich zu machen, ist ihre Lebenstendenz; sich selbst vergessen sie gern dabei. Ein Stück Brot findet sich immer und Wasser überall. Luxus brauchen sie nicht, und was heißt ihnen schon Luxus! Ich erschrak in meiner Anspruchsvölle, wenn ich das zufriedene Lächeln meines Gastes betrachtete.' Obwohl ein junger Mann, sah er doch garnicht jung aus: sein Haar war schon dünn, seine Gesichtszüge waren schon gefurcht, nnd wenn er sich erging in Ergießungen, wie Gerechtigkeit und Verträglichkeit einkehren werde bei den Menschen, da -sagte ich wohl: Sie sind ein Schulmeister und werden einer bleiben! „Nun ja, er ist einer geworden, aber ein ganz anderer -als ich damals dachte. Sein Drang nach Gerechtigkeit und Verträglichkeit hat sich fester und fester gestellt, und mit Konsequenz und Nachdruck ist er der wichtige.