Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 133 (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111102-3116604--5016-3116766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
133 größtem unmittelbaren Schaden für die Juden werden könnten. Es genügt nicht, um den Haß zu verneinen, die positive Absicht der Schädigung auszuschließen; bei der Frage des Judentums und der Juden genügt schon der Mangel an Vorsicht, um den Haß zu beweisen, zumal wenn dieser Mangel in so erstaunlicher Weise vorhanden war. Nimmt man hinzu, was Freudenthal anderwärts sagt: „Das Neue Testament ferner schonte seine Kritik mit auffälliger Behutsamkeit. Auch die Dogmen des Christentums griff er nicht unmittelbar an" <244). Und ferner: „Was Spinoza über Offenbarung und Prophetie lehrt, hat er mit bewußter Absicht in Halbdunkel g e h ü l lt " (S. 217). So darf -man wohl auch auf Grund dieser behutsamen Beurteilung zum mindesten sagen, daß er gegen Juden und Judentum in einer unnatürlichen Verfassung des Geistes und des Gemütes sich befunden hat. Ich könnte ebenso sagend des Gemütes und des Geistes, und somit auf diese Steigerung das Hauptgewicht legen. Denn wie man bei einem großen Denker sicherlich zu einem richtigen Urteil erst dann gelangt, wenn man Don allen Nebenumständen absieht und im Fundament des Geistes selbst eine Erklärung gefunden hat, so scheint die Sache auch bei Spinoza zu liegen. Der große Bibelforscher hat kein Verständnis -gefunden für den Prophetismus. Daher konnte er sich so leicht in die Christologie von seinem Pantheismus aus hineinlenken lassen, weil ihm der Prophetische Messianismus mit seiner Zukunft der Menschheit gar nicht zur Einsicht gekommen ist. Das ist ein schlimmes Zeichen für den Formalismus des Pantheismus, dem es genug ist, Gott und Natur gleichzusetzen, und der flugs auch den Menschen zum Gott macht; den aber die Sorge nicht anficht, was aus den Menschen und den Völkern auf Erden werden mag; für den es keine Zukunft der Menschheit geben kann, weil das „gemeine Volk" niemals zu einer innerlichen Moralität heranreifen, niemals zu einer echten Erkenntnis erwachsen kann.