Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 132 (sequence 77)
- Language
- German
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132 Er habe sich „von ängstlicher Vorsicht^ von Menschensurcht leiten lassen". „Und trotz allem oft bewährten Mutes soll er von unmännlicher Furcht nicht frei gewesen sein. Dasist allerdings die hier vertretene Meinung. Es tft ein Vorurteil, ihn als einen H eiligen anzusehen" (S. 201). Freudenthal gibt sich alsdann zwar Mühe, ihn damit zu verteidigen, daß er sagt: „Heilige gibt es auf Erden nicht". Aber es macht doch einen Unterschied, woran und worin man sich als unheilig erwiesen hat. Und besonders störend ist bei dieser Ungerechtigkeit seines literarischen Urteils „die Furcht,, die dem theologisch-politischen Traktat seine eigentümliche- Farbe gegeben hat" (202). Die Furcht hat ihn zu zweierlei Maß am Alten und Neuen Testamente getrieben. Zwei Momente fallen dabei gegen ihn in die Wagschale: die Verachtung des gemeinen Volkes und der widerwärtige Haß gegen die Juden. „Er urteilt mit einseitiger Schroffheit über das niedere Volk Hollands". Und dafür können durchaus nicht Jan Steens oder O st a d e s Bilder zum Beweise dienen. „Mit derselben. Herbheit und Einseitigkeit übte er am jüdischen Volke Kritik . .. dem Gefühle aber, aus denn alle diese harten und zum Teil ungerechten Aeußerungen hervorgegangen sind, gebe man keinen falschen Namen. Man nenne die Mißachtung seiner Gegner, seiner Volks- und Stammesgenossen nicht Haß. Seiner Abneigung gegen sie fehlte jede Spur des Strebens sie zu schädigen, ohne das wirklicher Haß nicht gedacht' werden kann" (203). Hier kann ich Freudenthal nicht ganz zustimmen. Haß kann erstlich vielleicht auch, ohnedas Streben zu schädigen, gedacht werden. Ferner aber wird dieses Streben bei einem geistig hochstehenden Manne nicht ausgeschaltet, wenn er nicht auch die Gefahr der Schädigung bedacht und Vorsorge gegen sie getroffen; hat. Es konnte vielmehr Spinoza bei der oberflächlichsten Ueberlegung bei dem Ueberlesen seiner Worte gar kein Zweifel darüber aufkommen, daß seine aus der Schrift und aus dem Kultus hergeleiteten Urteile von;