Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 129 (sequence 74)
- Language
- German
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129 - — bekannte Ausdrücke in einem von i h m erst g e - gebenen Sinne .. und nicht immer gibt er deutlich und bestimmt an, was er unter diesen Worten versteht" (175). Unter den Gründen, die Freudenthal für all dieses ansührt, sei der letzte hervorgehoben: „Darum übt er scharfe Kritik an den Büchern des Alten Testamentes, macht aber vor dem Neuen Testament Halt, angeblich weil er des Griechischen nicht mächtig ist" (176). Dies braucht indessen nicht gerade ein Vorwand zu sein; wenn er nur in der vergleichenden Charakteristik beider Testamente sich Besonnenheit und Gerechtigkeit auferlegt hätte. Nun aber macht Freudenthal auch persönliche Motive im Charakter und Temperament Spinozas geltend. „Er hat neben anderen wertvollen Eigenschaften auch ein tiefes Friedensbedürfnis von seinen Vorfahren geerbt. Das waren nicht streitlustige Krieger, sondern unglückselige Dulder . . so verloren sie die Wehrhaftigkeit und den Kampfesmut alter Zeiten" (117). Auch hier mutz ich widersprechen. Die Philosophen des Mittelalters haben mit tapferem Freimut gegen Islam und Christentum ihre Religion hochgehalten. Spinoza erst ist es, der „Behutsamkeit" und „Vorsicht anwendet, die bisweilen zu weit geht" (178). „Vorsichtig" (os-nto) war auch die Inschrift seines Siegelrings. „Man darf diese Behutsamkeit Furchtsamkeit nennen". Dennoch habe er durch seinen Angriff auf die reformierten Prediger gezeigt, „daß seine Tapferkeit größer war als seine Vorsicht. Aber es ist freilich ein Gemisch von Mut und Furchtsamkeit, von Tapferkeit und Aengstlichkeit in ihm". Freudenthal stellt hier Kant über Spinoza; aber es ist nicht richtig, daß „nur Fanatiker der Wahrheit . . den Mut haben, unter allen Umständen die Wahrheit zu sagen". Es ist nicht richtig, daß in jener Zeit die freiesten Geister gezwungen worden seien, „die Wahrheit zu verschweigen und zu verleugnen" (179). Man denke nur an Jean B o d i n, der nicht blos in seinem .Heptaplomeres die schwersten Angriffe gegen das 9