Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 127 (sequence 72)
- Language
- German
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127 ihre innerlichste Entwicklung hinaus zu einem Leitmotiv der allgemeinen Literatur. Das hat Heine mit seinem echten Judenschmerze gut erkannt. Und die schöne Literatur selbst leidet unter diesem Zauber der pantheistischen Blendung, abgesehen von der Schädigung, die sie der religiösen Wahrhaftigkeit durch dieses zweideutige Spiel mit Gott und Mensch zufügte. Daß in einer Zeit, in welcher die protestantische Kathedertheologie in der neuen Charakteristik des israelitischen Prophetismus so große Leistungen der Forschung und der Klärung hervorbrachte, zugleich der Judenhaß seine Orgien feiern konnte, das wäre unerklärlich, wenn nicht innerlich, wie äußerlich, der böse Dämon Spinozas jene Atmosphäre noch immer vergiftete. Die Kernsprüche, in denen Spinoza seines Rachehasses gegen die Juden sich entlud, finden sich noch heute fast wörtlich in den Tageszeitungen, jener politischen Richtungen. Da darf dann wohl, ich möchte sagen dürfen, für jeden Leser, wie für mich selbst, die Frage entstehen, ob denn Niemand sonst in demselben, wie immer zurückgehaltenen, Zorne oder Unwillen über Spinoza als literarischen Charakter geurteilt hat. Und so seien denn hier schließlich die Aeußerungen angeführt, die ein Mann, der auf Grund der genauesten Quellenuntersuchung das Leben Spinozas beschrieben hat, ein Mann, der allgemein anerkannt ist als Forscher von einem strengen Gleichmut der Beobachtung, der Tatsachensammlung, der Beurteilung, der Gesinnung, der wissenschaftlichen und der religiösen Ueberzeugungen überhaupt, der sich sein Leben hindurch mit Spinoza beschäftigt hat, der zudem alle jüdischen Quellen ebenso' als Fachgelehrter beherrscht hat, wie die allgemeinen der Religion und der Philosophie — was Freudeuthal über Spinoza gedacht und geurteilt hat. Wenn wir nun die Charakteristik Freudenthals über Spinoza richtig würdigen wollen, so ist vor allem der Standpunkt seiner religiösen Beurteilung ein ganz allgemeiner, kein konfessioneller. Spinoza hat nach ihm in diesem Traktat der Religion „keinen Abbruch" getan •(166) 145). Auch unterscheidet er nicht die Anpassung