Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 126 (sequence 71)
- Language
- German
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die die Religion nicht mehr in der „bloßen Vernunft" enthalten bleiben sollte, sondern welche das Christentum trotz allem Protestantismus und allem skeptischen Idealismus dennoch in seinen dogmatischen Grundvesten behaupten wollten. Da kam ihnen der Pantheismus gelegen und sie nutzten ihn gründlich aus; aber er sollte durchaus nicht als Auflösung des Christentums verstanden werden, sondern vielmehr nur als seine philosophische Begründung, wie von einer Vorstufe her. Schleiermacher selbst ging bis zum Aeußersten in seiner schwärmerischen Huldigung für Spinoza, so lange er die Reden über die Religion gegen ihre Verächter schrieb, in denen es keine Verbindung zu seiner Glaubenslehre geben dürfte. Von allen Seiten wird die Kanonisierung Spinozas in der neueren Zeit erklärlich. Wie sollte da der Gedanke und das Interesse an der Frage auskommen, ob und wie Spinoza seiner angestammten Religion Recht oder Unrecht getan habe. Noch ungünstiger liegt die Sache für das allgemeine wissenschaftliche Urteil und Gewissen. David Friedrich Strauß hat den Satz über Christus aus einem Briefe Spinozas zum Motto seines „Lebens Jesu" erwählt. Die Bibelforschung hat nun zwar inzwischen erkannt, und zur allgemeinen Anerkennung gebracht, daß Spinoza auch nicht die leiseste Ahnung von den eigentlichen Urhebern des Judentums, von den Propheten gehabt habe. Sein Verdienst liegt bei der Bibelkritik nur in dem Gebiet der philologischen Quellenuntersuchung, aber der Geist der Sache war ihm nicht im geringsten aufgegangen, um nicht zu sagen, er habe ihn von sich verscheucht. Und nun handelt es sich bei dieser Sache nicht um eine literarische Frage, sondern, was sich aus den angestellten Erwägungen ergibt, es wurde dieses Buch zu dem Bekenntniswerk eines Kronzeugen, der vermöge seiner philosophischen Genialität und seiner Fachgelehrsamkeit im Gebiete des Judentums eine unwidersprechliche Autorität besitzt. So wurde dieses Buch über die Philosophie und