Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 68)
- Language
- German
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123 über den Autor unausweichlich-und immer zwischen den Zeilen unvermeidlich enthalten. Jeder Mensch liest jede Schrift mit seinem wissenschaftlichen, religiösen, politischen Urteil, zumal eine Schrift, welche die Bibel untersucht und den Wert der beiden Testamente prüft. Der Christ darf dabei immer Christ bleiben: ein Höheres als das Christentum, als die Lehre Christi darf es für den Kulturmenschen nicht geben. Alle Philosophen der christlichen Welt haben diesen Leitsatz' der inneren Geschichte der Kultur durch ihr Beispiel anerkannt und bezeugt. Mit diesem Selbstbewußtsein haben auch die Araber für den Islam philosophiert, so die Juden für die Bibel. Spinoza ist der erste Philosoph, der ohne positiven persönlichen Anteil an seiner angestammten Religion, sie zu beurteilen, und sie zu verurteilen sich bewogen fühlt. Und es ist nicht die Verwerfung aller Religion überhaupt, die er mit der Verwerfung des Judentums ver-- bindet, sondern, ohne es anzunehmen und sich zu ihm zu bekennen, gibt er der Lehre Christi den Vorzug vor dem jüdischen Monotheismus. Im Geiste Christi gibt er dem Pantheismus den Vorzug vor dem Monotheismus. Und aus diesem Gedanken heraus interpretiert er das Neue Testament als allgemeine Religion, während dem Alten die Allgemeinheit fehle. Dann kann sie freilich nicht Religion sein, und es ist nur ein kleinem Schritt, den alsdann seine Bibelforschung tut, daß die jüdische Religion vielmehr nur jüdische Staatslehre sei. So vollendet sich bei ihm die Vernichtung der Religion^ aus der er hervorgegangen, aus der er ursprünglich seine religiösen Kenntnisse und Unterweisungen und seine ersten sittlichen Anregungen empfangen hat. Dieser, aller Aufklärung und Toleranz, widerstreitenden, allen seinen religiösen Wert vernichtenden Absage gegen das Judentum war, lange vor dem Banne, seine Entfremdung vorangegangen. Und auch hier zeigt sich praktisch dieselbe Zweideutigkeit seiner Stellung, wie wir sie theoretisch fanden. Er sucht nicht etwa den Verkehr von