Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 67)
- Language
- German
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ÜSi ü 1 122 — und staatsfremd und -feind, daß er nicht bloß die unzählig vielen Gesetze über die Rechtsgleichheit des Fremdlings ignoriert, sondern auch kein besseres Wissen darüber sich anfechten läßt, daß der in der Bergpredigt angezogene Satz von dem Haß des Feindes dem ganzen Alten Testamente unbekannt ist. Hätte er dagegen, wie es einer innerlichen Bibelsorschung zukommt, auch nur auf die moralischpoetische Stellung geachtet, welche im Pentateuch und in den Propheten der Fremdling einnimmt, so würde freilich seine ganze Theorie ihren Stützpunkt verloren haben, aber er wäre dann auch vor der Konsequenz bewahrt geblieben, die hier als letzter Schluß der Weisheit herauskommt: „das Alles zeigt ganz offenbar, daß die Religion sich immer nach dem Interesse des Staates gerichtet hat" 144). Die Fremdengesetzgebung im alten Israel war jedoch vielmehr ein Bestandteil des Monotheismus, und der Noachide bildet die gleichartige Fortsetzung dieser religiösen Politik. Das philosophische Endurteil über den theologischpolitischen Traktat hängt von dem über die Ethik ab. Auf diesen Zusammenhang gehen wir hier nicht ein. Auch des Urteils über den persönlichen Charakter Spinozas haben wir uns möglichst zu enthalten befleißigt. Nichts ist mißlicher und schwieriger als das Urteil über den moralischen Charakter eines literarischen Autors, vollends über den Charakter eines Mannes von ausgebreiteter kultureller Einwirkung. Wir haben auch garnicht über den Menschen zu urteilen, sondern nur über seine Lehre und über seine gelehrten Arbeiten. Von seinen Lebzeiten her schwankt sein moralisches, eigentlich auch sein geistiges Charakterbild in der Literatur der Theologie, wie der Philosophie. In jüngster Zeit erst sind neue Schwierigkeiten hinzugekommen durch die Kenntnis von Spinozas Anteilnahme an der aktuellen Politik. Indessen ist ja in der Anführung und Beleuchtung religiöser und politischer Ansichten ein moralisches Urteil ’i .!