Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 62)
- Language
- German
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117 Wird unterschieden das Dasein des Einen Gottes von seiner Vorsehung: „Dieses und Aehnliches lehrt die Schrift nicht ausdrücklich und als ewige Wahrheiten" {141) i29). So wird die Schrift ihres eigentlichen Sinnes und Gehaltes beraubt. Nach Anführung von weiteren Beispielen geht Spinoza zur Kritik entgegengesetzter Auffassungsweisen über, und da ist es besonders wieder Maimonides, der in aller Bestimmtheit sein Widerpart ist. Dieser setzt die Kontrole für die Auslegung der Schrift in die Vernunft. Und nun führt Spinoza das denkwürdige Beispiel an, in dem Maimonides rückhaltlos die äußerste Konsequenz seiner rationalistischen Schrifterklärung vollzogen hat: nämlich an der Schöpfungslehre der Schrift. An sich erklärt Maimonides an der angezogenen Stelle die Schöpfung für ebenso der Vernunft widersprechend, wie die körperlichen Ausdrücke von Gott. Diese aber lassen sich durch die Vernunft beseitigen. „Für die Ewigkeit' der Welt hingegen läßt sich kein Beweis erbringen, und so ist es auch nicht nötig, der Schrift Gewalt anzutun" -(t56)'b°). Dies sage Maimonides, der also auch die Schöpfung in die Ewigkeit umgedeutet haben würde, wenn Aristoteles dies bewiesen hätte. Solchen Steigerungen des rationalistischen Absolutismus sucht er zu wehren durch „das gemeinsame natürliche Licht", mithin doch wieder durch die Vernunft, die noch immer daher eine konkretere Norm bildet als die angebliche Schrift selbst. Es ist interessant, zu sehen, wie Spinoza dieser philosophischen Bestrebung gegenüber gegen die Philosophie in die Waffen ruft. Das Volk müßte sich nach jener Methode „hinsichtlich der Schrift nur auf die Autorität und das Zeugnis der Philosophie verlassen können .. Das wäre freilich eine ganz neue Kirchenautorität und eine ganz neue Art von Priestern oder Päpsten" m). Aber diese Päpste sind die Philosophen; ist das nun etwa dasselbe? Es ist keine wahrhafte Förderung der Auf-