Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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112 Stelle seiner eigenen Lehre widerspricht? Diese Stelle ist, wie gesagt, nur eine von dreien, an denen Maimonides dem Noachiden die Seligkeit zuspricht. Und an den beiden anderen Stellen geschieht dies unbedingt und ohne die Einschränkung, die nur an der einen dritten Stelle bei ihm sich vorfindet. Wir fragen garnicht mehr: Wie konnte Spinozcr bei seiner Beherrschung dieser Quellen, wie konnte er die beiden übergehen, und nur die eine heranziehen, um sie in seinem Sinne auszubeuten? Spinoza fragen wir in solcher Richtung des Denkens und des Forschens überhaupt nicht mehr. Wir fragen unfern aufrichtigen Verfechter des religiösen Rationalismus, wie es ihm geschehen konnte, daß er von seinem Grundgedanken, den er an zwei Stellen zu der entscheidenden, für alle Entwicklung der jüdischen Religion epochemachenden Formulierung gebracht hatte, an dieser Stelle abwich?' Die Abweichung dürste sich aus dem Zusammenhang, dem die drei Stellen angehören, zur Befriedigung dieser auf Maimonides gerichteten Frage wenigstens aufklären lassen. An jenen beiden anderen Stellen nämlich handelt es sich nur um den allgemein religiösen' Begriff des Noachiden, für den Maimonides aus der Diskussion des Talmud (Ir. Laubockriu 105, b) nach der einen der beiden Talmudlehrer seinerseits die Entscheidung getroffen hat. An jenen beiden Stellen also handelt es sich nur um das große religiöse Problem, ob auch dem Noachiden, wie dem Israeliten^ die Seligkeit zuzuerkennen sei. Es ist ein hohes Verdienst des Maimonides, daß er den Gedanken des Talmud in Gemäßheit der an anderen Stellen ausgesprochenen Ansicht auch hier zu dieser definitiven Entscheidung hinausgeführt hat: die Seligkeit ist nicht abhängig von dem Glauben und der Befolgung des Gesetzes Moses, sondern ihrer ist auch derjenige teilhaftig, der nur die allgemeinen Gebote der natürlichen Moral anerkennt und befolgt.