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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1915-01-01 · 18 (1915) · p. Seite 108

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
18 (1915)
Article
Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
Date
1915-01-01
Page
Seite 108 (sequence 53)
Language
German
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identisch sind. So steht er nach seinen Definitionen das Problem der menschlichen Kultur an. Er sieht nicht, daß die religiösen und die politischen Dinge in der Vergangenheit ganz anders lagen, und daß daher 'die alte religiöse Literatur ganz anders zu beurteilen ist. Und wie es mit der Bibel steht, so auch mit dem ganzen Judentum. Im alten Israel herrscht der Priester, im späteren das Zeremonialgesetz. Das Judentum hat kein Lebensrecht vor dem wahren Leben. Bei diesem zentralen Mangel am Verständnis des Judentums kann es denn 'auch beinahe schon nicht mehr 'Wunder nehmen, daß ihm ein Hauptbedenken gegen seine ganze Theorie nicht aufgestiegen ist. Eine entscheidende Gegenin st anz gegen dieselbe bildet der Begriff des Noachiden. Während Spinoza durchgängig von dem Gedanken beherrscht wird, die gesamte jüdische Lehre sei von Mose ab gar keine Religion, weil sie keine allgemeine natürliche Moral enthalte, sie sei nur eine Sammlung von Gesetzen für den jüdischen Staat, hat der Rabbinismus den Begriff eines Bekenners der natürlichen Religion geschaffen und ausgebildet. Nichts Anderes, nichts Geringeres ist der „Sohn N o a s " (Td p)- Während sonst im Naturrecht, alter wie neuerer Zeit, nur der Begriff dieses Rechtes auftaucht, das in der römischen Spätzeit im Völkerrechte zu einer politischen Anwendung gelangte, ist in der rabbinischen Theologie des jüdischen Staates der persönliche Wert eines Anhängers der natürlichen Religion entstanden und mit aller Kasuistik ausgebildet worden. Nicht die philosophische Theorie, noch das Völkerrecht mit seinen Anlässen in der Erweiterung des römischen Bürgerrechts haben im Talmud diesen naturrechtlichen Grundbegriff hervorgerufen, sondern die homogene Entwicklung desMenschenbegrisfs im jüdischen Monotheismus führte auf ihn. Von Anfang an bildet der Fremdling eine Hauptfigur des religiösen Problems. „Eine Thora sei euch,. dem Fremdling, wie dem Eingeborenen im Lande" (2. M. 12, 49). Thora bedeutet hier ganz

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