Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 52)
- Language
- German
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107 notiz hat großes Aergernis erregt, und man hat sie für eine Denunziation gehalten, die den unkirchlichen und unreligiösen Sinn der niederländischen Kolonisation blosstellt. Durch diese weithergeholte Motivierung hat sich Spinoza also nicht als ein besonnener Politiker seiner Partei bewährt. Weiterhin wird der Wert der biblischen Ges ch i ch t e für den Glauben gewürdigt und dahin bestimmt, daß diese nur für „das gewöhnliche Volk" bestimmt fet,. das sie, „zu Gehorsam und Demut zu bewegen vermöge" (106) 119). Zum göttlichen Gesetze gehören sie nicht, und daher auch nicht zur Seligkeit. „Wenn darum einer die Geschichten der heiligen Schrift lieft und sie in allen Stücken glaubt, aber darauf nicht auf die Lehre Acht hat, die sie verkünden soll, und sein Leben nicht bessert, der hätte geradesogut den Koran oder die Schauspiele der Dichter oder einfache Chroniken mit der im Volke üblichen Aufmerksamkeit lesen können" l20). Wiederum fehlt hier die Hauptsache, auf die er es doch selbst abgesehen hat: welchen Nutzen diese Geschichten haben mögen für die Besserung des Lebens, und ob ihnen hierin die Schauspiele der Dichter gleichstehen. Ganz allgemein muß es auffallen, daß dieser Aufklärungspolitiker gar kein Auge und keinen Sinn hat für den sozialen Geist, der sich in der gesamten mosaischen Staatsverfassung für alle Zeiten befruchtend erwiesen hat, und ebensowenig für die im Sozialismus wurzelnde antiklerikale und antiaristokratische Politik der Propheten. Der englische Puritanismus mußte ihn schon darüber aufgeklärt haben. Sein politischer Formalismus aber entspricht seiner publizistischen Tendenz, in der er aufgeht, über die auch seine Ethik ihn nicht hinausblicken läßt. Leben nach der Vernunft! das ist die Losung. Und das ist sein einziges Ideal, auf dessen relative Verwirklichung seine politischen Gedanken hinzielen. Die Kirche muß als ein Staat im Staate bekämpft werden. Sie hat ihren geschichtlichen Ursprung in der a l t j ü d i s ch e n Theokratie. Daher muß die Bibel bekämpft werden, in welcher Kirche und Staat"