Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111102-3116604--4986-3116736- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
103 frontierung mit den „sogenannten fünf Büchern Mose" unterbrochen. „Allerdings enthalten jene fünf Bücher außer den Zeremonien auch viele Sitten lehren, aber auch diese nicht als allgemeine Sittenlehren für alle Menschen, sondern blos als Gebote . . die nur den Nutzen des Reiches allein bezwecken. So lehrt z. B. Mose den Juden nicht als Lehrer oder Prophet, sie sollten nicht töten und nicht stehlen, sondern als Gesetzgeber und Fürst; denn er begründet seine Lehre nicht durch die V e r n u n f t. . . So hat er auch bei dem Verbot des Ehebruchs blos den Nutzen des Staates und des Reiches im Auge. Hätte er es als Sittengesetz lehren wollen, . . dann hätte er nicht blos die äußere Handlung, sondern auch die Zustimmung des G e i ft e s verdammt, wie Christus es getan hat" (95)U2). Dieser consensus animi ist ein stoischer Terminus, der die Vergeistigung aller Akte des Bewußtseins durch seine Begleitung bedeutet. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß diese geistige Kontrolle des Bewußtseins auch bei jeder juristischen Handlung vorausgesetzt wird, so daß sie keinen moralischen Unterschied zu bewirken vermag. Was aber den Lohn betrifft, der bei Mose körperlich, bei Christus aber geistig sein soll, so kann diese Differenz in der Tat nur durch das Gesetz für den jeweiligen Staat oder aber durch das universale Gesetz begründet werden. Indessen dürfte der Dekalog seine Universalität in der bisherigen Geschichte der Menschheit zu begründen mindestens begonnen haben. Nach dieser Einschaltung wird die Anführung der Prophetenstellen gegen dieZeremonien fortgeführt. Bedenklich ist es dabei allerdings schon, daß zu allererst der Sabbat als Zeremonie aufgeführt wird, und zwar bei dem wunderbaren Kapitel 58 des Jesaias. Und von der Bedeutung des Sabbat für Liebe und Gerechtigkeit, zunächst zwar allerdings dem Staate, aber in der Folge für alle Völker und alle Staaten der Welt, ist diesem Manne keine Ahnung aufgegangen. Damit ist ausgesprochen, daß er den Zusammenhang der