Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 46)
- Language
- German
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— 101 — Gottes. Denn Gott hat sich durch den Geist Christi. . dem menschlichen Geschlechte offenbart"107). Durch diese Unterscheidung der Offenbarung Christi von der der Propheten soll der Hauptinhalt des göttlichen Gesetzes, der in ewigen Wahrheiten besteht, unterschieden werden von den Vorschriften und E i n - rächtungen Moses. Es kann nur, wie wir schon erwogen haben, schwer eingesehen werden, wie diese Unterscheidung auf die Zwischen Mittelbarkeit und Unmittelbarkeit zurückgehen soll. Denn Unmittelbarkeit ist es doch wahrlich nicht, wenn der einzige Gott zugleichauch Christus ist. Aber hiervon abgesehen, wie insbesondere auch von der Körperlichkeit der Vermittlung, wird die andere Frage wieder von aktueller Wichtigkeit für alle Kultur: wenn Christus immerhin der Mund Gottes ist, wie darf darum von ihm gesagt werden, daß er die adäquate Erkenntnis gehabt habe? Dies würde heißen, daß er Philosoph gewesen sei. Spinoza hat offenbar hier wiederum die methodische Unterscheidung zwischen Religion und Philosophie fallen gelassen, obwohl sein Hauptzweck war, von der Theologie die Philosophie abzutrennen. Das Schwanken Lei dieser Grundfrage verrät sich auch in dem Schwanken der Ausdrücke. „Gott hat sich dem Christus oder seinem Gei st e unmittelbar offenbart . . denn alsdann wird eine Sache erkannt, wenn sie selbst mit dem reinen Geiste jenseit der Worte und der Bilder begriffen wird" l08). Wenn aber Gott nur dem Geiste Christi sich offenbart hat, und wenn dies ohne Worte soll geschehen können, warum wird er dann dennoch der Mund Gottes genannt? Braucht man den Mund nicht wesentlich der Worte wegen? Und wenn er ferner der Mund Gottes ist, ist er dann nicht Gott selbst, wenn anders im Worte Gottes Gott überhaupt für den Menschen besteht? Und warum heißt es dann hier doch wieder: „Hierin hat er die Stell Vertretung Gottes geführt, daß er sich dem Geiste des Volkes anpaßte" (87)10®), nämlich durch