Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 42)
- Language
- German
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MW — 97 - ist durchaus kein Wunder, nachdem sie sich einmal in einer Weise von allen Völkern abgesondert, die ihnen den Haß aller zugezogen hat, eine Absonderung, nicht nur in äußeren Gebräuchen, die denen der anderen Völker entgegengesetzt sind, sondern auch im Zeichen der Beschneidung,- das sie auf das religiöseste beobachten. Daß aber der Haß der Völker es ist, der sie in er st er Linie erhält, das hat schon die Erfahrung gezeigt" (75) 95). Und nun kommen Belege aus Spanien und Portugal über die vernichtenden Erfolge der Judenbekehrung! Die Beschneidung schätzt er jedoch noch höher als die Konversion. „Das Zeichen der Beschneidung halte ich dabei für so bedeutungsvoll, daß ich überzeugt bin, dies allein werde das Volk für immer erhalten". Dies widerspricht ja aber der Verheißung auf Vernichtung. Indessen kümmert sich Spinoza um diesen Widerspruch nicht, sondern geht in seiner Anklammerung an sein historisches Arkanum noch weiter. „Ja, wenn die Grundsätze ihrer Religion ihren Sinn nicht verweichlichen, so möchte ich absolut glauben, daß sie einmal, bei gegebener Gelegenheit, wie ja die menschlichen Dinge dem Wechsel unterworfen sind, ihr Reich wieder aufrichten und daß Gott sie von neuem auserwählen wird". Wie sich diese letzte politische Ansicht mit seiner religiösen von Gottes Weltherrschaft verträgt, das dürfte ohne Annahme einer dämonischen Ironie schwerlich zu begreifen sein. Wenn man aber bedenkt, daß dieselbe Ansicht auch sonst mehrmals ernsthaft von ihm ausgesprochen wird, so wäre vielleicht eine Erklärung darin zu finden, daß zwar nicht das Wissen, noch das Gewissen gegen die von ihm vertretene Ansicht von der geschichtlichen Mission Israels bei ihm Einspruch erhoben habe, aber daß die angeborene Selbstliebe zum eigenen Glaubensvolke den harten Sinn übermannt und in Selbstwiderspruch, wie schlecht immer motiviert, widerwillig ihn verstrickt habe. Es bliebe dann doch immer dabei, daß die Religion der Juden nur für ihren eigenen Staat sich gehöre.