Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 38)
- Language
- German
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93 Hoffentlich waren es wenigstens in diesem Punktedie Propheten, und die Erwählung Israels besteht hoffentlich in diesem Berufe der Propheten. Spinoza aber fährt unmittelbar fort: „Ihre Auserwählung und Berufung bestand allein in dem zeitlichen Glück und den Vorteilen ihres Reiches, und ich kann nicht finden, daß Gott den Patriarchen oder ihren Nachfolgern etwas anderes außer diesem versprochen habe. Vielmehr wird im Gesetze für den Gehorsam nichts anderes versprochen als das beständige Glück des Staates und die übrigen Vorteile dieses Lebens"85). Hier ist mindestens auffällig, daß der Verheißung an Abraham nicht gedacht wird: ffDu sollst zum Segen werden für alle Familien der Erde" keineswegs allein für die Nachkommen des Stammvaters. Nun ist es ja Aber höchst auffällig, daß die Verheißung für den Staat als eine dem Egoismus und Utilismus dienende verurteilt wird, während doch eben gesagt war, daß die Staatengründung der Zweck des Völkerlebens sei. Hier aber gilt die Sicherheit des Staates wie ein Fehler, ein Gebild des Opportunismus, der mit den bloßen Vorteilen des Lebens zusammengestellt wird. Aus dem Gesichtspunkte einer wissenschaftlichen Bibelforschung wäre zu sagen, daß allerdings dieisraelitische Bibel und das biblische Gesetz einen doppelten Zweck verfolgt, nämlich erstlich zwar die Errichtung des eigenen Staates, und dazu die Sammlung und Bearbeitung aller Sagen und Berichte der einzelnen Stämme, die zu diesem Staate vereinigt werden sollen. Mit diesem Zwecke aber verbindet sich innigst der andere: neben dem Partikularismus und neben aller Politik überhaupt eine Religion zu begründen und auszubauen, in deren Grunde der nationale politische Partikularismus Umschlagen muß in einen Universalismus der Menschheit. Diesen Zusammenhang hat Spinoza nicht erkannt. Zwar hat er den Universalismus nicht gänzlich ignoriert bei den Propheten, aber der Zusammenhang ist ihm nicht Har